Blätter, die glücklich machen

13.05.13

MarienkäferJetzt, zu Mitte Mai, hat die Natur wieder ihr grünes Festkleid angelegt. Wussten Sie eigentlich, dass solches „Natur-Grün“ Menschen glücklich macht? Eine gute Nachricht für gestresste Leute mit wenig Zeit, eine wichtige Botschaft auch für die Waldpädagogik: schon fünf Minuten Aktivität im Grünen verbessern Stimmung und Selbstwertgefühl deutlich - es ist nun „alles im grünen Bereich“.

Die Zeitung „Die Welt“ berichtete dazu:
In ihrer aktuellen Untersuchung analysierten JOE BARTON und JULES PRETTY von der University of Essex in Colchester zehn bestehende Studien mit insgesamt 1252 Personen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und psychischen Zustands. Diese Studien haben mit den gleichen Methoden die Wirkung eines aktiven Aufenthaltes in der Natur auf die Stimmung und den Selbstwert gemessen. Die untersuchten Naturaufenthalte reichen von Wandern und Fahrradfahren über Fischen und Bootfahren bis hin zu Reiten und Gartenarbeit. Hochgefühl und Selbstwert gelten unter Psychologen als wichtige Indikatoren für die psychische Gesundheit - geringe Selbstachtung und ein andauerndes Stimmungstief sind häufig anzutreffende Symptome bei Depressionen.
Die Wissenschaftler zeichneten aus ihren Daten Kurven auf, die die Dauer des Naturerlebnisses und seine Wirkung in Beziehung setzt. Daraus ermittelten sie die Veränderung von Selbstachtung und Stimmung abhängig vom zeitlichen Umfang der „grünen" Aktivitäten. Dabei zeigte sich, dass zu Beginn einer Freiluftaktion eine sofortige positive Wirkung auf die Psyche einsetzt. Die Stimmung helle sich über rund fünf Minuten immer stärker auf - auch das Selbstbewusstsein nehme deutlich zu, fassen die Briten in ihrer Studie zusammen. Längere Aufenthalte im Grünen ergaben zwar weitere Vorteile, doch die Wirkung war nicht mehr so intensiv. In der Anfangsphase scheint nach Meinung der Biowissenschaftler die Psyche besonders sensibel auf die Bewegung in einer grünen Umwelt zu reagieren. Zudem ist die Wirkung auf die Selbstachtung am stärksten bei jungen Leuten, aber auch psychisch labile Menschen reagieren überdurchschnittlich positiv. Besonders vorteilhaft wirkt sich das Grün der Natur aus, wenn auch Gewässer wie Flüsse, Seen oder das Meer vorhanden sind.
„Gehetzte Menschen in einer stressigen Umgebung sollten regelmäßig an die frische Luft gehen", riet PRETTY. Die Selbstmedikation durch den Aufenthalt im Grünen bringe Vorteile für alle Bevölkerungsgruppen und die Gesellschaft und habe Auswirkungen auf die Kosten des Gesundheitswesens.“

Soweit die Erkenntnisse einer aktuellen englischen Studie.
Auch andere Untersuchungen belegen: „Blattgrün tut der Seele gut!“ Je mehr Pflanzen wir beispielsweise in unserer Wohnung haben, desto besser gehen wir mit den Nachbarn um. Oder: Ziehen Kinder mit ihren Eltern „raus ins Grüne“, so verbessern sich deren schulische Leistungen. Oder: Die Zöglinge von Waldkindergärten zeichnen sich durch höhere soziale Kompetenz und geringere spontane Aggressivität aus als Regelkindergarten-Teilnehmer.
Aber Hand auf’s Herz - eigentlich sagt uns das alles ja nichts wirklich Neues. Dass Grün glücklich und seine Abwesenheit unglücklich macht – diese Aussage ist in der deutschen Sprache seit langem Bestandteil solcher Redensarten wie „jemandem grünes Licht geben“, alles im grünen Bereich“, „auf keinen grünen Zweig kommen“, „sich nicht grün sein“.

Grün ist nicht nur als Farbe der Zuversicht bekannt, sondern auch als die des Lebens überhaupt, steht uns für Frische und Freiheit. Gerade dieser Tage ist es nicht verwunderlich, dass wir eine solche Farbe lieben, zeigt sie doch mit dem Maiengrün den Triumph des Frühlings über den eher grau erscheinenden Winter an.
Grün steht deshalb wohl auch allgemein für einen Neubeginn – an der Ampel heißt Grün nicht grundlos, dass man nun freie Fahrt hat. Selbst solche Begriffe wie Gesundheit, Jugendlichkeit und Schönheit verbindet man mit dieser Farbe

Es ist offenkundig: „Grün hebt“ – es verkörpert das in jedem Nachhaltigkeitsansatz steckende, vom Philosophen ERNST BLOCH formulierte „Prinzip Hoffnung“. Am Gelungensten formulierte einst MARTIN LUTHER solche „grüne“ Zuversicht, als er meinte: „Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“

Als waldpädagogisch tätiger Förster rate ich den Leuten in Sachen „Mutter Grün“ auf jeden Fall: „Geht raus in den Wald oder Park, so oft es geht! Selbst ein kurzer Gang durch die Natur hilft und heilt, und über Risiken und Nebenwirkungen von „Doktor Wald“ ist nichts bekannt!“
Dieser Vorschlag gilt zu jeder Jahreszeit. Am schönsten ist so ein Waldbesuch aber wohl doch im Frühling, und da wiederum im „Wonnemonat“ Mai, über den unsere Vorfahren einst reimten: „Das Jahr hat viermal der Monate drei, doch keinen so schönen wie den Mai!“ Denn was gibt es, neben dem frischen Grün, jetzt nicht hier alles zu sehen, zu hören, zu fühlen oder zu riechen: In das besonders früh am Morgen immer lauter werdende Vogelkonzert mischen sich die Stimmen der heimgekehrten Zugvögel wie Neuntöter, Pirol, Gartenmücke, Teichrohrsänger. Nachtigall, Kiebitz, Rebhuhn, Pirol, Grasmücke, Meise, Bachstelze oder Rauchschwalbe brüten. Bodenpflanzen wie Maiglöckchen, Preiselbeere, Löwenzahn, Walderdbeere, Waldmeister oder Gehölze wie Weißtanne, Stieleiche, Rotbuche, Weißdorn, Robinie, Besenginster, Kiefer, Schlehe, Pfaffenhütchen, Fichte, Eberesche, Ahorne und Faulbaum blühen. Lurche wie Rotbauchunke, Wechselkröte, Seefrosch und Wasserfrosch laichen. Die Luft ist erfüllt vom Gesumm der Insekten, die „geflügelten“ Ameisen“ und ersten Hirschkäfer erscheinen.
Bei einem Gang durch den Maienwald begreift man erst richtig, was der Dichter BERT BRECHT meinte, als er einmal fragte: „Was ist Wald? Nur tausend Klafter Holz, oder auch eine grüne Lebensfreude?“

Übrigens:
Über geführte Försterwanderungen durch die Wunderwelt des Maienwaldes können Sie sich unter www.treffpunktwald.de informieren!

Klaus Radestock
info@waldpaedagogik.org