Walpurgisnacht & Waldpädagogik

26.04.13

Wer derzeit im Netzportal Treffpunkt Wald gründelt, kann auch in diesem Jahr für den 30. April mehrere waldpädagogische Walpurgis-Familienangebote finden. Ganz gleich ob es dabei um „Mythos Wald“, „Fledermaus-Fahndung“, Hexenbesen-Suche und -Selberbau, Heil- sowie Giftpflanzen des Waldes oder nur um Klönen am Lagerfeuer geht: der Zauber einer Frühlingsnacht im Wald nimmt alle Besucher gefangen!

Für die Veranstaltung des Walderlebniszentrums Gramschatzer Wald (Bayern) heisst es dazu: „Seit uralten Zeiten wohnt dieser Nacht ein besonderer Zauber inne. Wenn in der Dämmerung das Licht langsam schwindet, sind unsere Sinne besonders geschärft.
Wir lauschen den Geräuschen des abendlichen Waldes, tasten uns durchs Dunkle, und auch der Geruchs- und Geschmackssinn werden nicht zu kurz kommen. Nach der Führung lassen wir den Abend am Lagerfeuer ausklingen.“

Walpurgisnacht, Hexenspuk, Teufelskram ... als Gegenstand der Waldpädagogik?
Nach dem Erfolg solcher Bücher und Filme wie Herr der Ringe oder Harry Potter frage ich mich: Warum eigentlich nicht? Müssen wir nicht die Leute nicht dort abholen, wo sie sind, und wollen wir nicht alle, selbst noch als Erwachsene, in unserer nüchtern-verwissenschaftlicht-hektischen Welt ab und an vielleicht doch wieder etwas „verzaubert“ werden?
Außerdem: wenn denn der „nachhaltig handelnde Mensch“ das Ziel waldpädagogischer Arbeit ist, und Nachhaltigkeit immer auch „ Denken in Generationen“ bedeutet – sollte man dann nicht viel öfter als bisher (auch) nach den Ursprüngen oder Wurzeln schauen und fragen: „Woher kommen wir?“ - „Wie haben das unsere Altvorderen gesehen?“ - „Wie entstanden unsere Bräuche?“ ...

Erinnern wir uns: in der waldbezogenen Umweltbildung spielen neben Grundlagen, Grundsätzen, Akteuren, Angeboten, Themen und Anlässen auch Methoden, die „Wege zum Ziel“, eine große Rolle.
Eine (bisher noch wenig gebräuchliche) waldpädagogische Methoden-Gruppe ist dabei das Mystifizieren. Hierbei gilt es, sich die Wunderwelt des Waldes & ein Bild des eigenen Ich mit märchenhaften Ausflügen ins Geheimnisvoll-Rätselhaft-Spannende oder gar Übernatürliche zu erschließen.

Fiktiven Waldwesen wie Zwergen, Trollen, Feen, Elfen ... (in christlicher Zeit kamen Hexen, Hexer, Teufel ... hinzu) wird im „Mythos Wald“ bekanntlich übermenschliche Kraft und Macht nachgesagt. In Europa spielen sie in uralten Glaubensvorstellungen unserer keltischen, germanischen oder slawischen Altvorderen, später auch bei den überlieferten Märchen des ausgehenden Mittelalters sowie in den Novellen und der Belletristik der deutschen Romantik eine Rolle. Bis heute ist die von solchen Wesen wimmelnde Sammlung von Volksmärchen der Gebrüder Grimm auf diesem Gebiet weltweit prägend.

Bedenkt man, dass „märchen-empfängliche“ Vor- und Grundschüler die wichtigste Zielgruppe der Waldpädagogik sind, und erwägt man ferner, dass in einer wachsenden Zahl von Elternhäusern keine Märchen mehr erzählt oder gelesen werden (obwohl das für die kindliche Entwicklung nachweislich von hohem Wert ist), so wird die Bedeutung des Mythos als Methode der (nicht nur waldbezogenen) Umweltbildung deutlich.

Auch beim „Mythos Wald“ ist es wichtig, dass das rechte Angebot zur rechten Zeit erfolgt und jeder passende Anlass aus Natur und Kultur genutzt wird. Jetzt, da der letzte Tag des April naht, liegen Gedankenverbindungen zur Walpurgisnacht nahe.
Ehe wir jedoch an die gute Waldpädagogik-Gelegenheit des 30. April denken, sollten wir wissen, was es eigentlich mit dem Walpurgisbrauch auf sich hat:
Die Walpurgisnacht gilt heute als das „Hexenfest“ schlechthin. Es war aber nicht immer so, dass „das Böse“ so im Vordergrund stand! Ursprünglich pflegten in dieser Nacht unsere frühen Vorfahren vielmehr Freudenfeuer zu entzünden, um den Frühling zu begrüßen und sich über das Kommen eines wunderbaren Jahresabschnitts zu begeistern, über den später gedichtet werden sollte: „ Das Jahr hat viermal der Monate drei, doch keinen so schönen wie den Mai.“
Die Dorfgemeinschaft versammelte sich an diesen abendlichen Feuern, tanzte um die Flammen herum, speiste, trank und sang, sprang paarweise über die Glut und entschwand dann ebenso pärchenhaft im nahen Wald ...

Mit der Christianisierung Mitteleuropas und speziell nach dem Sieg Karls des Großen über die Sachsen um 800 wurden solche Feste verboten. Die Kirche verdammte fortan alle, die den alten naturbezogenen Bräuchen anhingen, als dem Bösen hörig, und begann damit auch für das Ende des Monats April, „den Teufel an die Wand zu malen“: das Gerücht wurde verbreitet, dass in dieser Nacht vor dem ersten Mai die Hexen ausflogen, um sich zu versammeln und auf die Ankunft des Leibhaftigen zu warten.
Im Zuge der Inquisition erzählte (und erfolterte) man später immer schaurigere Geschichten darüber, welches Unwesen solche als Hexen bezeichneten weisen (weil oft mit volksmedizinischen Kenntnissen ausgestatteten) Frauen trieben, die ihr Wissen selbstverständlich nur dem Teufel verdanken konnten.

Weil all das aber nicht reichte, um der Bevölkerung Jahrtausende alte heidnische Feiertage auszutreiben, überlagerte die kirchliche Obrigkeit sie zusätzlich durch christliche Feste oder Zuordnungen. Der Maienbeginn wurde dabei der heiligen Walpurga, Schutzpatronin der Bäuerinnen und Mägde, geweiht; so entstand der Name Walpurgisnacht. Dieser Heiligen ward - wie passend - von der Kirche nachgesagt, dass sie vor den Hexen schützen sollte.
Den Bauern vermittelte man außerdem: „Ist die Hexennacht voll Regen, wird's ein Jahr mit reichlich Segen!“
Bekannterweise wurde das Datum dann Ende des 19. Jahrhunderts erneut „gesellschaftlich überformt“: ab 1886 ward der 1. Mai (auch) Kampftag der Arbeiterbewegung und seit den 1930-ern in zahlreichen Ländern der Welt gesetzlicher Feiertag – für viele Leute allerdings (auch und vor allem) eine gute Gelegenheit, nach durchfeierter Walpurgisnacht ein wenig auszuschlafen!

Im Laufe der Jahrhunderte entstanden aus dieser Gemengelage heidnischer, christlicher und Arbeiter-Bräuche viele Traditionen und Sitten für die Walpurgisnacht. Eine davon - reinen Schabernack aus purer „Maienlust“ - habe ich noch in den frühen 1970-ern als Student miterlebt, als wir in der Forststadt Tharandt die Gartentore der Einwohner vertauschten.
Der Hintergrund dieses Klamauks ist: die nichtsnutzigen jungen Burschen der Ortschaften nutzten früher die günstige Situation der Walpurgisnacht, in der die Furchtsamen sich hinter dem Ofen verkrochen und die Waghalsigeren beim Freudenfeuer feierten, gern aus, um sich eine kleine Einnahmequelle zu verschaffen. Besonders beliebt war dabei, in den Höfen aufgestellte Gerätschaften auf Dachfirste oder hohe Bäume zu verbringen – manchmal wurden sie gar im Dorfbrunnen versenkt. Gegen Freibier konnten die Bauern in der Folge erreichen, dass „ausgelöst“ und der alte Zustand wieder hergestellt wurde.

Heute besteht das Fest der frühlingshaften Lebensfreude zwischen der Nacht des 30. April und dem 1. Mai in ganz Mitteleuropa weiter: Walpurgisfeuer- und feiern leiten über zum Tanz in den Mai, dem Aufstellen von Maibäumen, Kundgebungen und Märschen für eine menschlichere Welt ...

Mit dem Hinweis auf die vielerorts vor oder in der Walpurgisnacht geschlagenen und am
1. Mai als Symbole der Hoffnung, Zuversicht und Fruchtbarkeit aufgestellten Maibäume und das allerorts angebrachte Maiengrün der Birkenschließt sich der Kreis zum Wald und auch zur Waldpädagogik.

Passt das zusammen: Walpurgisnacht & Waldpädagogik? Für Eure Meinung wäre ich dankbar!

Klaus Radestock
Klaus.Radestock@gmx.de