Forstliche Gedanken zum Weltbuchtag

BuchSeit 1995 wird jeweils am 23. April der (bislang wenig bekannte) Welttag des Buches begangen. Er ist ein als Gedenktag für das Lesen, die Bücher, die Kultur des geschriebenen Wortes und die Rechte von Autoren eingerichtet worden. Dieser Tag sei einmal zum Anlass genommen, einen „roten Faden“ zwischen den Begriffen Wald – Waldpädagogik – Buch – Lesen zu knüpfen.

Die Gedenktage auf Welt-, Europa- oder Deutschland-Ebene haben sich in den letzten Jahren drastisch vermehrt – fast könnte man hier von Inflation reden. Gibt es derzeit überhaupt noch einen Tag im Jahr, der nicht von irgendwem irgendeinem Anlass gewidmet wurde? Da außerdem manchmal der Eindruck entsteht, dass es dabei immer öfter nicht um eine gute Sache, sondern weit mehr um das jeweilige Proklamatoren-Ego oder gar diverse Geschäftsinteressen geht, ist mein Eindruck auch zu dieser Entwicklung: „Masse schadet Klasse“.

Dennoch: der mir erst kürzlich bekannt gewordene Weltbuchtag sei hiermit Motivation, dazu mal einige Gedanken „vom Waldboden aus“ zu formulieren:

Förster & „Bücherwurm“ – geht das?

Da ich bisher nicht dazu kam, hierzu einmal Kollegen zu befragen, will ich versuchen, diese Frage an mir selbst zu beantworten. Meine Kumpels haben mich früher als „Leseratte“ bezeichnet, die Eltern mir das spätabendliche Lesen untersagt, weil es ihnen des Guten zu viel schien: ich begann bereits mit fünf Jahren zu lesen und tue das seither mein Lebtag lang ausnehmend oft und gern. Blicke ich zurück, hatte ich „Lese-Etappen“: erst waren es Märchen, die ich „verschlang“, dann Abenteuer-Schilderungen, im Weiteren (schließlich wollte ich Förster werden) Geschichten über die Natur, ihre Tiere, Pflanzen und Geheimnisse; in der Folge hatte es mir der utopische Roman besonders angetan, schließlich (da war ich schon Förster) für eine ganze Weile die Geschichte der Welt sowie der Menschen…

Meine Top-Lektüre heute sind Bücher zur Philosophie, Psychologie und Politik – ich bin nun 61 und derzeit brennend an der Beantwortung der spannenden Frage interessiert: Wie tickt eigentlich der Mensch? Natürlich habe ich auch Lieblingsbücher, aber die verrate ich hier nicht, und halte mich dabei an das einst von LUDWIG FEUERBACH Gesagte: „Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.“ Und die verraten wir ja auch nicht. Dafür möchte ich Euch jedoch mein von GROUCHO MARX stammendes Lieblingszitat zum Lese-Thema nennen: „Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.“

Forstliche „Waldboten“ tun Not!

Ob zwar sich allein beim Internethändler Amazon derzeit 24.558 Waldbuch-Einträge finden, registriere ich weiterhin bedauernd: es gibt viel zu wenige für das breite Publikum „schreibende Förster“. Dass Menschen, die den Wald im Herzen tragen, sowenig schriftstellerisch-ausstrahlendes Sendungsbewusstsein aufbringen, ist sehr bedauerlich, weil: unsere schnelllebig-verschwenderisch-schuldenmacherisch-zukunftsfressende Zeit könnte ein paar mehr Leute gut gebrauchen, die Nachhaltigkeitsverstand auch schwarz auf weiß vermitteln. Denn: solche „Waldmenschen“ haben langfristig-ganzheitlich-maßvolles Denken quasi verinnerlicht, weil sie es im täglichen forstlichen Handeln verantwortungsvoll praktizieren müssen.

Ich selbst hatte das Glück, schon als 9-jähriger die Aufzeichnungen eines Kollegen lesen zu können, auf diesem Gebiet fähig war. Es handelt sich um die zu Beginn der 1930-er erschienen Lebenserinnerungen des Schorfheide-Försters JOHANNES SIEBER; sie wurden 1952 von EHM WELK als ungemein lebensfrohes Buch „Tiere, Wälder, junge Menschen“ neu herausgegeben. Diese Schilderungen lesen sich wie eine Anleitung zur Waldpädagogik, und hier ganz speziell für die Angebotsformen Försterwanderung und „forstliche Schüler-AG“. Als ich zehn Jahre später als Forststudent begann, selbst in der waldbezogenen Umweltbildung tätig zu werden, hatte ich mir aus diesem Werk entscheidende Impulse geholt. Wenn ich nach 40-jährigen Forstdienst in wenigen Monaten in die „Vorruhe“ gehe, werde ich mir treu bleiben und sie als „Unruhestand“ gestalten: weiterhin auf vielerlei Art als unermüdlicher Mittler zwischen Mensch und Wald tätig sein - nunmehr jedoch ausgestattet mit der Muße, Gelassenheit und Weisheit des Alters vor allem als „schreibender Förster“ und (auch dem Namen nach) an den Erfolg meines vor 15 Jahren erstmals erschienenen Buches „Waldbote“ anknüpfend.

Einer meiner Vorbilder auf diesem publizistischen Weg ist der bayerischen Forstmann, Schriftsteller und Maler WILHELM STÖLB. Sein kürzlich in zweiter Auflage erschienenes Werk „Waldästhetik“ geht über den Ende des 19. Jahrhunderts verfasste Forstästhetik-Klassiker des HEINRICH VON SALISCH weit hinaus. Es handelt vom sinnlichen Wahrnehmen des Waldes als „Harmoniespender der ganz besonderen Art“ durch die Menschen, also vom Walderleben als Seelenbeziehung. Diese Sicht fehlt in der derzeitigen öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Ökonomie und Ökologie fast völlig, weil sie nicht quantifizierbar ist.

STÖLBS Werk ist „Herzensbildung“ – neben fundierter Sachkenntnis und klarer Sprache zeugt es von der Liebe zu Mensch und Wald gleichermaßen. Ein weiteres Bespiel für gute „Wald-Publizistik“ ist das Ende der 1990-er an der Waldschule „Am Rogge-Busch“ (Land Brandenburg) gestartete Projekt „Waldbuch Grünli". Es war von Beginn an als Alternativmittel gegen die damals beginnende (und heute galoppierende) „Virtualisierung“ der Lebenswelten des Menschen gedacht, die man besser und deutlicher zu gut deutsch „Verunwirklichung“ nennen sollte. Dieses als „Tagebuch vom Wald" konzipierte holzdeckelige Werk wurde 2010 als bestes märkisches Naturlehrmittel des Jahres ausgezeichnet und liegt bereits in der dritten Auflage vor. Sein geheimnisvoller puzzeliger „Zauberverschluss" (Harry Potter lässt grüßen) ermöglicht den kleinen Besitzern, ganz allein zu bestimmen, wer außer ihnen selbst einen Blick hineinwerfen darf. Die meisten Eltern sind bisher an dieser Aufgabe gescheitert.

Noch ein fünftes „Waldboten-Beispiel“ möchte ich hier anführen: Vor wenigen Tagen publizierte die Gräbendorfer Revierförsterin i.R. UTE HANDKE eine Broschüre „Kiefern, Sand und Seen – Erlebnisse einer Försterin aus der Mark Brandenburg“. Diese sehr belesene und auch geschichtlich interessierte Frau ist schon seit vielen Jahren Waldpädagogik-Referentin des Regionalverbands Dubrow der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Am Haus des Waldes (Land Brandenburg) hat sie sich besonders auf Führungen und Försterwanderungen für Kita- und Grundschulkinder spezialisiert und wirkt als gute Kennerin des waldpädagogischen Themas Wald & Gesundheit auch am Aufbau der „Praxis Dr. Wald“ mit. Diese aktive Frau wurde vor einigen Jahren als erste forstliche „Unruheständlerin“ mit dem brandenburgischen Ehrentitel „Patenförster“ gewürdigt. Reife Menschen wie Ute Handke vermögen es auf ihre ganz eigene Art, ihr Erfahrungswissen glaubhaft zu vermitteln und damit ein Band zwischen Jung und Alt zu knüpfen, das heute mancherorts brüchig geworden ist.

Lesen im und über den Wald

Seit 2004 verleiht das Waldforum Riddagshausen (Niedersachsen) den Titel „Waldbuch des Jahres“ an herausragende Neuerscheinungen, die sich in verschiedenster Weise mit dem Wald auseinandersetzen.

Vor acht Jahren hat dort österreichische Medienkünstler WOLFGANG GEORGSDORF für die Oberförsterei Hammer (Land Brandenburg) ein Projekt „Lesefährte Waldweisen“ konzipiert; gemeinsam wurde es verwirklicht. Es handelt sich dabei um eine Fährte von Lesepulten mit kurzen Texten zum Thema Wald, quer durch die Weltliteratur aller Zeiten. Hergestellt sind die über eine Strecke von zehn Kilometern aufgestellten „Lesemittel“ aus harzlachten-gekerbten unteren Kiefernstammstücken, die bis 1990 beim Reißen der Rinde zur Harzgewinnung entstanden sind.

Eine gute Wald-Lese-Idee ist auch der Gedichtpfad im Hardtwald bei Karlsruhe (Baden-Württemberg), bei dem Texttafeln an markanten Bäumen angebracht sind. Sie zeigen Gedichte und Zitate rund um das Thema Wald.

Und schließlich gibt es da noch den Netzhinweis auf das geheimnisvolle (weil z.Z. örtlich noch nicht zuordenbare) österreichische Unterfangen „Lesewald“ für Erstklässler. Dort sind an den Waldbäumen Wörter-Kärtchen befestigt. Die Schüler laufen dann von Stamm zu Stamm und lernen dabei das Lesen im „Bildungsort Wald“ auf eine ganz besondere, unvergesslich bleibende Art. Ein anderes österreichisches Kunstprojekt gleichen Namens der Universität Linz befasst sich mit der Beziehung des Schriftstellers ADALBERT STIFTER zur Natur. Sprache wird dabei ironisch beim Wort genommen, Text und visuelle Form auf poetische Weise neu ins Verhältnis gesetzt …

Buchen-Stäbchen

Ein sehr bekannter Wald-Buch-Zusammenhang erschließt sich uns aus dem Wort „Buchstabe“. Der Begriff für diese in einer alphabetischen Schriftsprache allgemein verwenden Zeichen entstand für Mitteleuropa wahrscheinlich aus den zum Los bestimmten Runenstäbchen. Diese Schriftzeichen wurden von unseren Altvorderen in das harte und schwere Holz des sehr verbreiteten Waldbaums Buche geritzt. Die derart beschriebenen Stöcke benutzten die Germanen als Orakel für wichtige Entscheidungen, und es ist recht sicher, dass sich deshalb das Wort „Buchstabe“ von diesen kultisch bedeutsamen Buchenstäbchen ableitet.

Waldpädagogik (auch) als „Lese-Mittel“?

Man sagt, dass Lesen bildet. Und Nichtlesen …? CARL HILTY hat natürlich Recht, wenn er sagt: „Die Bildung kommt nicht vom Lesen, sondern vom Nachdenken über das Gelesene.“ Denn: unser Gehirn bekommt Arbeit, wenn Buchstaben, Wort, Zeilen, Absätze … decodiert und interpretiert werden müssen. Es wird dabei auf visuelle oder phonetische, in jedem Falle aber lexikalische Verzeichnisse im Gehirn zurückgegriffen. Außerdem ordnet der Leser den Text in sein ganz persönliches Wissen von der Welt ein. Das genau ist ja das Faszinierende am Lesevorgang: leb- und zeitlose Buchstaben werden aufgenommen und in eine aktuelle symbolische Verstands-Struktur umgewandelt.

Die Voraussetzung dafür jedoch, dass es überhaupt dazu kommt, ist der Mut zum Buch – und darin fehlt es heute oft, vor allem bei jungen Leuten. Man hat begonnen, es sich leicht zu machen. Zu groß ist die inzwischen die Ablenkung durch radio-quasselnde Stimmen, Sprechblasen-Comics, „flimmernde Bilder“ …; die Schriftmedien werden mehr und mehr durch Ton- und vor allem Bildmedien ersetzt. Das hat natürlich Folgen: allein in Deutschland sind nach einer Studie der Universität Hamburg ca. 4 % bzw. 2 Millionen der Erwachsenen totale sowie mehr als 14 % bzw. 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Wie wollen sie ihr Leben meistern?

Es gibt wohl keine der aktuellen Zielgruppen, Themen, Methoden oder Anlässe im Jahreslauf der waldbezogenen Umweltbildung, welcher sich waldpädagogisch tätige Forstleute oder andere „Waldprofis“ nicht (auch) mit Anregungen zur Erhöhung der Lesefreude nähern könnten. Alle Angebote der waldbezogenen Umweltbildung laden gleichermaßen dazu ein. Denken Sie zum Beispiel an die Möglichkeiten,

  • in Einrichtungen wie Jugendwaldheimen, Waldschulheimen, Waldschulen, Schulwäldern, Waldtheatern, Forstmuseen, Waldlehrgärten/forstlichen Arboreten, Waldlehrpfaden und anderen „Grünen Lernorten“ das Lesen und die Bücher auf vielerlei Weise in die Abläufe / Programme bzw. Darstellungen einzubeziehen, oder
  • bei Aktivitäten wie Försterwanderungen, Waldprojekttagen, forstlichen Schüler-AGs, Ganztagsschul- oder Kindergartenbetreuungen, Waldferien, Waldjugendspielen / Waldrallyes … ab und an auch „Lesewerbung“ zu betreiben.

Wer kennt noch weitere gute Projekte oder andere nachahmenswerte Beispiele für den Sinnzusammenhang Wald - Waldpädagogik - Buch - Lesen?

Klaus Radestock
info@waldpaedagogik.org