Was hat die Waldpädagogik mit dem „Anti-Lärm-Tag“ zu tun?

19.04.13

LärmSeit 1995 findet jedes Jahr im April (heuer: 24.4.) der internationale Tag gegen den Lärm statt. Ziel der aus diesem Anlass stattfindenden Aktivitäten ist, „Krachmacherei“ als eine besondere Art von Umweltverschmutzung ins Bewusstsein zu rufen. Was aber hat das mit Waldpädagogik zu tun? Könnten, ja sollten wir unseren Wald bei dieser Gelegenheit nicht wieder einmal (auch) als „Ruhepol“ thematisieren?

Was ist eigentlich Lärm?

Das Wort Lärm geht auf den aus dem Italienischen kommenden Begriff Alarm = all'arme zurück, der „zu den Waffen” bedeutet. Man sagt dazu manchmal auch Krach, Radau, Getöse oder Dröhnen und bezeichnet auf diese Weise Geräusche, die auf Lebewesen und insbesondere auf uns Menschen störend, belastend oder gar gesundheitsschädigend wirken. Manchmal findet sich deshalb die Lärm-Definition „unerwünschter Schall“. Der Spötter Kurt Tucholsky schrieb einmal „Lärm ist das Geräusch der anderen“ und meinte damit treffend, dass das, was Radau ist, meist subjektiv empfunden wird: den einen stört die Klaviermusik des Nachbarn, den anderen fröhliche Rufe beim Spiel von Kindern ...

Radau macht krank

Lärm ist nicht nur unangenehm, sondern kann auch die Gesundheit schädigen: er verursacht Stress, stört den Schlaf sowie Biorhythmus, beeinträchtigt die Aufmerksamkeit und Verständigung mit anderen und kann bei Kindern zu einem gestörten Lernvermögen führen. Die Wirkung hängt nicht nur von der Lautstärke ab; auch die Art des unerwünschten Schalls und die Einstellung des Betroffenen spielen eine Rolle. Trotz akustischer Gewöhnung kann Lärm unbewusst weiter auf Körper und Seele wirken.

Eine direkte Hörschädigung setzt meist erst ein, wenn man regelmäßig hohen Schallbelastungen ausgesetzt ist, die im Innenohr zu nicht mehr behebbarer Schädigung der Hörzellen führt. Kennt man die Zahlen, so will es scheinen, dass es sich beim Lärm um das Umweltproblem Nr. 1 handelt: etwa die Hälfte aller Deutschen leidet permanent darunter. Über 60 Prozent der 20jährigen (!) haben einen dauernden Hörschaden – oft als Folge permanenten Diskolärms am Wochenende. Die Zahl der an Bluthochdruck erkrankten Menschen ist in verkehrsreichen Gebieten doppelt so hoch anderswo ...

Sind wir der Ruhe entwöhnt?

Ohne das Problem wirklich ernst zu nehmen, sind wir inzwischen daran gewöhnt, in einer von Schnelligkeit, Grelle und Schrille, von ständiger Unruhe und permanentem Wandel erfüllten Berufs-, Medien-, Verkehrs-, Konsum- und Freizeitwelt zu leben. Ich nenne einmal nur vier Dinge, die mir hierzu immer wieder auffallen: die penetrante „Reformitis“ in unserer Arbeitswelt, die immer schnelleren Schnitte in den Spielfilmen sowie immer knalligeren Schlagzeilen der Zeitungen, und dann natürlich den Gipfel des Freizeitvergnügens vieler jüngerer Leute: mit ohrenbetäubendem Lärm erfolgtes „Zudröhnen“ beim Diskobesuch. Kann man das eigentlich noch steigern? Und wenn nicht – wo bleibt dann der „Fortschritt“?

Geht es auch mit Stille?

Die Gegenpole zum hektisch-lärmenden Zeitgeist der Moderne wären: zur Ruhe kommen und gleichsam entschleunigen, „einfach mal die Schnauze halten“ ... und im Hör-Extremfall: Stille. Stille bezeichnet die empfundene Lautlosigkeit, also das Fehlen jeglichen Geräusches. Sie kann wegen der Abwesenheit störendem Schalls beruhigend wirken, die Konzentration auf eine Tätigkeit, Leistungsfähigkeit und allgemeines Wohlbefinden steigern. Die Abgeschiedenheit von unpassenden Höreindrücken ist auch eine Voraussetzung für Entspannung sowie die Konzentration des menschlichen Gehirns bei intensiven Denkprozessen, weil: sie ist dem Lernprozess förderlicher als ablenkende Geräusche.

Manche Leute meinen, man könnte auch eine „Stille in der Stille“ finden – eine, die tiefer geht als das, was uns pure Geräuschlosigkeit geben kann. Diese gründlichere Stille ist es vermutlich, was unsere Altvorderen „Seelenruhe“ nannten: der innere Frieden als Voraussetzung für Lebensmut und Willenskraft, die Gelassenheit des Denkens und Handelns, das Finden des rechten Maßes oder der eigenen Mitte, das Erkennen des wahren Ich ...

Aber Achtung: länger andauernde Stille dürfte vom modernen, damit nicht vertrauten Menschen vor allem wegen der fehlenden akustischen Orientierung im Raum als unangenehm empfunden werden oder sogar Ängste auslösen - sie zwingt zur intensiven Befassung mit sich selbst, zeigt uns erbarmungslos „innere Leere“ und Entwurzelung auf. Solche Stille wirkt dann bedrohlich wie die berühmte „Ruhe vor dem Sturm “ im „Auge des Hurrikans“ oder symbolisiert uns als „Totenstille“ gar die Möglichkeit des eigenen Sterbens nach unerfülltem, sinnlos gelebtem Leben. So bezaubernd der berühmte Sound of Silence von Simon & Garfunkel auch klingt: der Klang der Stille ist ganz gewiss nicht jedermanns Sache in einer ablenkungs- und krachgewöhnten Welt!

Gibt es ein „rechtes Maß“ zwischen diesem Extremen? Kann uns der Wald in dieser Hinsicht etwas lehren?

Wald ist „Ruhepol“

Wir wissen: der Wald wirkt auf die meisten von uns als „Seelentröster“. Mit beruhigendem Grün, wohltuenden Lichtverhältnissen, angenehmen Farb- und Helligkeitskontrasten, ästhetischen Bildern, sympathischen Düften und der Chance zum Jahreszeiten-Erleben vermag er uns zu ertüchtigen und zu euphorisieren, Stress abzubauen, Glück und Freude zu bereiten. Hier kann man seine „Seele baumeln“ lassen und Frieden finden, die Natur (und damit auch sich selbst) mit allen Sinnen bewusst erleben, den uns medial verpassten künstlich-affektierten Schein samt Marktschreier- und Schaumschläger-Maske einmal abwerfen, kreativ und spontan sein, abseits der hektischen Welt Beschaulichkeit und natürlich auch Stille suchen.

Denn: ein sehr wichtiger Grund, warum viele Menschen gerade den Wald frequentieren, wenn sie sich erholen wollen, ist die in ihm herrschende relative Stille. Das gilt speziell für Städter, die oft ganztägig Hektik aller Art und besonders dem Verkehrslärm ausgesetzt sind. Diese Feststellung lässt sich durch Befragung der Waldbesucher immer wieder bestätigen: dass rund ein Drittel der interviewten Personen den Wald ganz allein deshalb aufsucht, weil sie in ihm die gesuchte Ruhe und speziell Stille finden. Fragt man sich einmal, warum es im Wald für unser Empfinden recht still ist, so stellt man drei Dinge fest:

  1. Es gibt im Wald kaum dauernde künstliche Lärmquellen (falls nicht, wie es jetzt in Mode zu kommen scheint, Windrad-Gruppen hineingestellt werden).
  2. Die natürlichen Geräusche des Waldes werden nicht als störend betrachtet, obwohl sie, denkt man zum Beispiel an das Rauschen der Bäume bei Wind, das Quaken der Frösche, das Schrecken der Rehe oder das Röhren der Hirsche, ganz erhebliche Lautstärke annehmen können.
    Im Gegenteil: durch all diese als zutiefst natürlich empfundenen Töne, zu denen natürlich auch das Singen der Vögel, Rascheln der Blätter, Keckern der Eichhörnchen, Zirpen der Grillen, Gemurmel der Bäche ... gehört, fühlen sich die Leute durchweg angenehm berührt.
  3. Stämme, Blätter, Nadeln und weicher Waldboden dämpfen von außen eindringende Geräusche.

Waldpädagogik ist auch „Stille lauschen“

Es gibt wohl keine der aktuellen Zielgruppen, Themen, Methoden oder Anlässe im Jahreslauf der waldbezogenen Umweltbildung, welcher sich waldpädagogisch tätige Forstleute oder andere „Waldprofis“ nicht (auch) mit Anregungen zum „Lärm-Stille-Spagat“ nähern könnten. Alle Angebote der waldbezogenen Umweltbildung laden gleichermaßen dazu ein. Denken Sie zum Beispiel an die Möglichkeiten,

  • in Einrichtungen wie Jugendwaldheimen, Waldschulheimen, Waldschulen, Rucksack-Waldschulen, Schulwäldern, Waldtheatern, Waldwerkstätten, Forstmuseen, Waldlehrgärten/forstlichen Arboreten, Waldlehrpfaden und anderen „Grünen Lernorten“ den Lärm-Stille-Kontrast auf vielerlei Weise in die Abläufe / Programme bzw. Darstellungen einzubeziehen, oder
  • bei Aktivitäten wie Försterwanderungen, aber auch Waldprojekttagen, forstlichen Schüler-AGs, Ganztagsschul- oder Kindergartenbetreuungen, Waldferien, Waldjugendspielen / Waldrallyes, Multiplikatoren-Schulungen ... ab und an auch auf die ruhestiftende Wohlfahrtswirkung des Waldes einzugehen.

Übrigens:
Auch an zwei der Erlebnispunkte der im Südosten Berlins gelegenen „Praxis Dr. Wald“ wird derzeit versucht, das Spannungsfeld Lärm – Stille zu thematisieren. Das betrifft natürlich die Station „Hören“ selbst, vor allem aber die zum siebten Sinn, „Wald denken“ genannte: hier sind die Besucher aufgefordert, sich einmal ganz bequem ins Grüne zu setzen, die Augen und (mittels Gehörschützern) auch die Ohren zu schließen, nach „innen zu blicken“ und so zu versuchen, eins zu sein mit sich selbst, den Mitmenschen, „Mutter Erde“ - eins mit dem, was ist.

Wünschen wir uns also, dass es mit (auch) försterlicher Hilfe und Anleitung einer großen Zahl von Menschen gelingt, in heftig bewegter Zeit ab und an Waldeinsamkeit zu suchen und dann der Stille zu lauschen, und einige von ihnen hier auf diese Weise wirklich ein Wiederentdecken des eigenen Seins aus der inneren Mitte heraus erreichen, das zutiefst „verwurzelnd“, beglückend, entspannend, erfüllend, heilsam, kraftspendend ... ist.

Klaus Radestock
info@waldpaedagogik.org