Waldpädagogik und „junge Alte“

Junge AlteWas derzeit verwaschen „demographischer Wandel“ genannt wird, bedeutet schlicht auch: weil in der westlichen Moderne der Anteil der Jüngeren stark rückläufig ist, der von Menschen höheren Alters aber im gleichen Maße steigt, werden es auch und vor allem die Älteren sein, welche die vor uns stehenden Aufgaben mit lösen müssen.
Was aber bedeutet das für die Waldpädagogik?
In Vorbereitung eines Beitrags des Bundes Deutscher Forstleute zum vom 3. bis 5. Mai 2012 in Hamburg stattfindenden 10. Deutschen Seniorentag sind wir derzeit herausgefordert, hierüber einmal intensiver nachzudenken.

Alte, Ältere, Senioren, reife Menschen, Ruheständler ...?

Unter dem Alter versteht man meist den mit dem Tod endenden Lebensabschnitt rund um die mittlere Lebenserwartung des Menschen. In der Moderne ist dieser Begriff eng mit dem Austritt aus einem definierten Erwerbsleben und folgendem Beginn des sogenannten Ruhestands verknüpft.

Ältere und dann meist ruheständlerische Menschen pflegt man heute meist als Senioren (von lat. senior = älter) zu bezeichnen. Dieses Wort ist eine „68-er-Schöpfung“ zur generellen Bezeichnung von Leuten höheren Lebensalters, und meint sehr oft das Rentenalter. Es sollte damals den in unserer Kultur leider weitgehend negativ besetzten Begriff der Alten politisch korrekt ersetzen, verschleiern und auf diese Weise aufwerten. Ziel war auch, damit dem offiziellen, stark durch Konsumorientierung und „schönen Schein“ geprägten Zeitgeist zu entsprechen.

Das Ergebnis war mager - wie immer, wenn man glaubt, durch beschönigendes fremdwort-trächtiges Reden Probleme lösen und sich etwas vorlügen zu können, ohne die Ursachen (der vergleichsweise geringen Wertschätzung älterer Menschen in unserer konsumorientierten Gesellschaft) ändern zu können oder zu wollen. Augenauswischerei eben ...
Umgekehrt gilt nunmehr heute sogar: Wenn Jugendliche einander „eh Alter“ zurufen, meinen sie ja wohl positiv- achtungsvoll so etwas wie Hallo Kumpel – tolle Nachricht!

Junge Alte ...

Meinungsumfragen haben ergeben: zahlreiche Ältere fühlen sich, wenn sie nur gesund geblieben sind, sehr viel jünger, als sie nach Jahren zählen. Für sie ist das Altern keineswegs mit einem Nachlassen oder gar Niedergang verbunden. In ihrem sowie natürlich im Interesse des heute alles beherrschenden Produktmarketing spricht man deshalb statt vom Alter derzeit in der öffentlichen Diskussion von einem dritten (junge Alte) und vierten Lebensalter (Greise), die vor allem durch Gesundheit & Rüstigkeit der Leute voreinander abgegrenzt werden.

Junge Alte sind nicht selten wohlhabend, geben sich jugendlich und können einen regen, mobilen, modisch und freizeitorientierten Lebensstil führen; man erlebt sie immer öfter bei Aktivitäten, die früher nur jüngeren Erwachsenen zugetraut wurden.
Entgegen landläufigen Vorstellungen gehen Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden nach dem Übergang in die nachberufliche Phase bei ihnen keineswegs zurück. Im Gegenteil: ein Zuwachs an Seelenruhe steht nun einer Abnahme von Hektik und Nervosität gegenüber.

... als Unruheständler

Viele dieser jungen Alten suchen nach sinnvollen und erfüllenden Aufgaben auch außerhalb des Freizeit- und Konsumbereichs, um mit dem ganzen Schatz ihrer kulturellen und beruflichen Erfahrung kreativ-schöpferisch tätig zu sein, sich im Dienste ihrer Mitbürger nützlich zu machen, ihr Wissen an Jüngere weiter zu geben ... Sie wollen auch in dieser Hinsicht nicht auf’s Altenteil; ihre Lebensweisheit sagt ihnen: das größte Glück ist allemal, andere glücklich zu machen.
Solche Leute seien von mir hier einmal Unruheständler genannt.
Ich erlebe das ganz persönlich immer wieder am Beispiel meiner Mutter, der 87-jährigen Betreiberin von www.oma-im-netz.de.

Warum landen derzeit viele Ältere im gesellschaftlichen Abseits?

Gesellschaftlich werden Ruheständler jedoch oft nicht mehr oder nur unzureichend eingebunden – der Zeitgeist setzt leider nach wie vor auf Jugendvergötzung.
Im Interesse ihrer Menschenwürde, der Gemeinschaft aller Bewohner unseres Landes und nicht zuletzt unseres Wirtschaftsstandorts muss verhindert werden, dass sich Ältere auf das Abstellgleis geschoben fühlen: Wir können uns weder aus ethisch-moralischen noch sozialen noch wirtschaftlichen Gründen leisten, ihr Erfahrungswissen auf Dauer ungenutzt zu lassen!

Die aktive Teilhabe am werteschaffenden gesellschaftlichen Leben wird den Senioren derzeit nicht immer leicht gemacht, und sie selbst machen es sich damit auch nicht leicht.
Woher rührt eigentlich die erkennbar unzureichende Hochachtung alter Menschen in der westlichen Industrie- und Informationsgesellschaft? Der Grund dürfte in der ökonomisierten, vor allem in den Kategorien Erzeuger & Verbraucher funktionierenden Moderne zu suchen sein, und da liegen die Älteren gleich doppelt schief:

1. Als Produzenten gelten sie als zu teuer, unflexibel-stur, langsam, aufmüpfig; hier gilt oft das Motto:
Hütet Euch vor den wütenden Ruheständlern - sie haben nichts mehr zu verlieren“)
2. Zu Konsumenten taugen aber sie auch nicht so recht, weil aufgrund ihrer Reife und Lebensweisheit durch Werbung
schwer verführbar. Jugendvergötzend definiert man als werberelevante Jahrgänge heute jedenfalls potenzielle Käufer
zwischen 14 und 49.

Kann es sein, dass uns derzeit mit einem vorrangig an Geld, Wirtschaft und Technik orientierten Fortschritt das rechte menschliche Maß verloren zu gehen droht;
schreiten wir auf diese Weise vielleicht mehr und mehr von uns fort und „entfremden“ dabei – von uns selbst, von den Mitmenschen, von „Mutter Erde“ ...?
Es missversteht den menschen-machenden Charakter schöpferischer Arbeit als Berufung und zeugt von Industriearbeiter- bzw. Job-Mentalität, Leute voller Lebensklugheit und Reife pauschal ab einem bestimmten Datum (bzw. oft bereits weit früher) zwangsweise ins Altenteil zu schicken. Für mich ist das weder human noch sozial noch gemeinwohlorientiert, dafür aber unklug und erst recht ineffizient.
Sollte es heute, da körperlich schwere Arbeit für die Meisten kein Thema mehr ist und das „Maschinenzeitalter“ durch die „Informations- und Kommunikationsgesellschaft“ abgelöst wird, nicht möglich sein, auch die „Spielregeln“ für „Ruhestand“ arbeitsplatzabhängig zu modifizieren? Bei Politikern geht das doch auch ...

Mehr „Achtung vor dem Alter“ ist unverzichtbar und muss eingefordert werden

Hier tut also Umdenken Not – wieder etwas mehr Wertschätzung als Mensch (auch) für Ältere! Die Weisheit eines erfüllten Lebens etwa ist ein derzeit völlig unterschätztes gesellschaftliches Potenzial, das es - nicht nur im Berufsleben - zu reaktivieren gilt.
Spätestens dann, wenn die Jüngeren empfindlich zu fehlen beginnen, wird Not erfinderisch machen, werden etwa Unternehmen vermehrt auf Rat und Tat von ehemaligen Mitarbeitern angewiesen sein werden, die sich eigentlich bereits in Rente befinden ...

... schon weil der Nachwuchs in Menge und Güte schwächelt

Denn die rapide weniger werdenden Jungen können es wohl nicht allein schaffen.
Viele von ihnen sind noch dazu vom grassierenden Erziehungs- und Bildungsnotstand gebeutelt und wurden weder mit „Wurzeln“ noch „Flügeln“ ausgestattet, die Goethe einst lyrisch für Kinder forderte, damit die erfolgreich ins Leben starten können. Hier steht eine „Generation Doof“ und - das drohende Dilemma noch verschärfend - zu befürchten:
Jede neue Generation gleicht einem Einfall kleiner Barbaren, wenn ihre Eltern es versäumen, sie durch Erziehung zu zähmen“ (Le Play).

Generationen-Kooperation ist wieder gefragt

Wir benötigen darüber hinaus aber generell die Wiedergeburt der Generationen-Kooperation und des „Denkens in Generationen“ - das ist übrigens eine schöne allgemeine Definition für den Begriff Nachhaltigkeit. Denn: Hand und Hand mit der aktuellen Erosion intakter Familien geht derzeit auch der Verlust des Generationengefühls einher, so dass der Einzelne nicht nur wichtige Orientierungen und Haltgebungen in der Massen-Gesellschaft, sondern auch diejenige in der Zeitenfolge der Toten, Lebenden und Nachkommen verliert.
Ein kluges Wort des englischen Philosophen Edmund Burke trifft hier wohl auf viele Zeitgenossen bereits zu: „Leute, die nicht auf ihre Altvorderen zurückblicken, werden auch keine Gedanken an ihre Nachkommen verschwenden.“
Das Erfahrungswissen um das „Woher kommen wir? wird in unserer unruhig-schnell-schrillen und merkwürdig geschichtslosen Zeit immer nötiger gebraucht, will man nicht pausenlos alte Fehler wiederholen und das „Wohin gehen wir?“ unbeantwortet lassen.

Ein Senioren-Konzeptfür die Waldpädagogik muss her!

Was aber bedeutet das alles für die Waldpädagogik?
Zunächst müssen wir unterscheiden, ob wir es zu tun haben mit

1. Senioren als Waldpädagogik-Zielgruppe (unterschieden in junge Alte und Greise),
2. einer Waldpädagogik-Partnerschaft mit Unruheständlern (zum Beispiel als „Waldmensch/Förster - Rentner - Tandem“) oder
3. waldkundigen Unruheständlern als eigenständigen Waldpädagogik-Akteuren.

Ältere sollten für uns aus vorgenannten Gründen grundsätzlich weniger Kunden als Partner sein (wir können ihrer großen Lebenserfahrung wegen von ihnen mindestens genau soviel lernen wie sie von uns) - wenn sie als berentete Förster, Lehrer, Naturwissenschaftler, Mitglieder der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald ... nicht sogar selbständige Macher sind.

Das spricht natürlich nicht gegen einen waldorientierten Diavortrag vor Greisen im Altersheim oder eine kurze Försterwanderung mit schon Gebrechlichen; aber auch hier wird es bei dieser Gelegenheit um ein Geben und Nehmen gehen: der Fachverstand der „Waldprofis“ trifft auf die Weisheit des Alters!
Ich habe in meinem nunmehr über 40 Jahre währenden Berufsleben solche Situationen immer als bereichernd und sogar beglückend empfunden.

Im Bundesland Brandenburg wurde diese Unruheständler-Erkenntnis zeitig berücksichtigt: Ältere Menschen waren hier von Beginn an zugleich Macher, Partner und Zielgruppe der forstlichen Umweltbildung.
In der „Dienstanweisung Waldpädagogik“ vom 1. Mai 1995 heißt es dazu beispielsweise:
Mit dem Programm „Walderleben für Senioren“ wird versucht, Jung und Alt im Wald zusammen zu führen und durch Nutzung der Lebensweisheit Älterer zur Bildung und Erziehung von Kindern / Jugendlichen sowie zur Verständigung der Generationen beizutragen.
Diese gewollte Einbindung Älterer in die waldbezogene Umweltbildung dieses Bundeslandes führte übrigens automatisch zur einer stärkeren Betonung der Wohlfahrtswirkungen des Waldes unter besonderer Berücksichtigung des Leitthemas Wald und Gesundheit, das heute verbreitet Doktor Wald genannt wird, weil:
Reife Menschen haben im Gegensatz zur stürmischen Jugend meist erkannt, dass die Glückwunschformel „Vor allem Gesundheit“ keineswegs nur eine Floskel, sondern Grundvoraussetzung für ein erfülltes Leben in Freiheit ist!
In der Steuerung der brandenburgischen Waldpädagogik ward die Kooperation mit Älteren hinfort vielfach berücksichtigt – hier einige Beispiele:

  • 1999 wurde eine erste Fortbildung „Senioren als Zielgruppe der Waldpädagogik“ durchgeführt
  • zur Brandenburgischen Seniorenwoche 2000 fanden erstmalig (sechs) Veranstaltungen „Walderleben mit Senioren“ statt
  • eine 2001 aufgestellte Liste von als Kooperationspartner für die brandenburgische Waldpädagogik tätigen forstlichen Unruheständlernumfasste 35 Personen
  • 2002 wurde ein Antrag auf Anerkennung des Märkischen Haus des Waldes als Lernwerkstatt des Generationennetzwerks Umwelt beim Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung der Universität Hannover gestellt
  • 2008 verfasst die Eberswalder Forststudentin Katja Löhndorf eine Bachelorarbeit „Generationennetzwerk Wald - Einbindung von Älteren mit waldspezifischen Kenntnissen in die Umweltbildung in Brandenburg“ (Analyse von Chancen und Risiken eines Netzwerkaufbaus durch Befragung von jungen Alten)
  • viele brandenburgische Waldpädagogik-Referenten sind derzeit schon Unruheständler
    – weitere (Förster, Lehrer, Naturwissenschaftler, Ärzte ...) sollten gewonnen werden;
    ein Beispiel: Ute Handke (74; Foto), langjährige Leiterin des im Südosten Berlins gelegenen Reviers Frauensee, ist brandenburgische Patenförsterin des Jahres 2008 und als Wald-Gesundheits-Fachfrau erste Referentin der Praxis Dr. Wald am Märkischen Haus des Waldes

Was tun?

Können wir Forstleute in unserer waldpädagogischen Arbeit auch in der Kooperation mit Unruheständlern zeigen, was es heißt, in Generationen zu leben und leben zu lassen?
Sollten das auch und vor allem unsere mit solider „Waldbodenhaftung“ und Nachhaltigkeitsverstand ausgestatteten Kollegen sein?

Wie macht man es richtig?
Einerseits nimmt die Zahl der Forstleute von Jahr zu Jahr ab, werden die Reviere immer größer, können wir den riesigen Bedarf an durch „Waldprofis“ fachliche betreutes Walderleben mittels Waldpädagogik immer weniger durch im Berufsleben stehende Leute mit „forstlichem Stallgeruch“ decken; der kooperative Einsatz forstlicher Unruheständler wäre ein Ausweg.
Andererseits: schießen wir uns damit nicht ein Eigentor und geben den Verantwortlichen ein völlig falsches Signal nach dem Motto: es geht doch? Schließlich überaltert unser Berufsstand derzeit in hohem Maße, und die Einstellung junger Leute haben wir nötig wie die Blumen das Licht. Denn: wie wollen wir die Menschen wohl Nachhaltigkeit lehren, wenn wir sie nicht einmal in der eigenen „Forstfamilie“ selbst vorleben können...

Weiterführende Hinweise

Sie finden
- hier mehr zur Waldpädagogik in Deutschland
- hier unter Position 3.7. Spezielles zu „Waldpädagogik mit / für Senioren“:
- hier die Bachelorarbeit „Generationennetzwerk Wald“:
- hier einen Powerpoint-Vortrag der (stark auch an den Bedürfnissen Älterer ausgerichteten) Doktor-Wald-Vision
- hier die Spottschrift „Ein Jahr als Rentner“

Wer kennt noch gute und nachahmenswerte Beispiele in Sachen „Waldpädagogik mit / für Senioren“?

Für eine Diskussion wäre ich dankbar.

Klaus Radestock
klaus.radestock@gmx.de

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