Erste Nachlese zur Waldpädagogik-Fachtagung 2011 in Tharandt

Am 29. und 30. September kamen im modernen „Judeich-Bau“ der Tharandter Forsthochschule forstliche und außerforstliche Fachleute aus dem Bereich der Waldpädagogik zu einer Tagung zusammen. Am ersten Tag standen allein 13 Referenten auf dem Plan - es versprach ein gefülltes Programm zu werden. Und das wurde es dann auch: Viele Aspekte der Waldpädagogik wurden beleuchtet und diskutiert.

Foto: Peter Rabe

Es würde lohnen, hier ganze Passagen der Vorträge ungekürzt wiederzugeben.
Für alle Interessierten wird sich die Redaktion bemühen, zumindest die Zusammenfassung des Veranstalters und die Dateien der Referenten zu bekommen und u.a. unserer Homepage www.waldpädagogik.de de zur Verfügung zu stellen.
Hier soll nur kurz auf einige Schwerpunkte eingegangen werden.

In der Begrüßung stellte der Landwirtschaftsminister Sachsens klar, dass den Forstleuten „der Wald im Herzen brennt“. Allein schon aus dieser Tatsache sieht er unseren Berufsstand als einzig(artig) dafür prädestiniert, den Menschen Wald und Nachhaltigkeit nahe zu bringen.

Ihm folgten drei umfangreiche Vorträge von Professoren (die Herrn Ammer, Suda und Köpf). Alle drei stellten sowohl vom Ursprung der Nachhaltigkeit her als auch unter Bezug auf die aktuelle Situation und Befindlichkeit von Wald, Mensch und Gesellschaft heraus, welche große Aufgabe mit der Waldpädagogik verbunden ist.
Nicht zum ersten Mal wurde deutlich, dass trotz aller Zielgruppenschwerpunkte Kinder und Jugendliche ein alle Menschen umfassender Ansatz erforderlich ist, um die Potenziale des Waldes zur Wirkung zu bringen.

Besonders anschaulich informierte Professor Suda die Hörerschaft zu neuen Ansichten über den Stand des Waldes in der Gesellschaft und die (forstlichen) Rahmenbedingungen von Wald und Gesellschaft.
So haben in Deutschland vor allem in Folge der Arbeitsteilung heute nur noch 3-5 % der Menschen einen unmittelbaren Bezug zum Wald. Dass Wald aber dennoch wichtig ist, sei mehr eine gesellschaftlich normative Feststellung denn alltägliches individuelles Lebensgefühl.
In Auswertung von Befragungen konnte er feststellen, dass es deutliche, zum Teil gegensätzliche Unterschiede zwischen der durch Medienmeinung gespeisten Einstellung zu Wald (und Forstwirtschaft) einerseits und dem persönlichen Erleben anderseits gibt. Während in der veröffentlichten Meinung vor allem negative Nachrichten - auch über den Wald und die Forstwirtschaft - zu einer ablehnenden Konditionierung der Menschen führt, ist das Walderleben positiv besetzt und sogar gegen negative Walderlebnisse in gewissem Maße „robust“.
Interessant ist vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass sich aus dem menschlichen Wunsch nach Abwechslung beim Waldbesuch eine breite Handlungsoption für die Forstpartie ableitet. So werden Holzpolter oder auch Pflegeeingriffe eher als Bereicherung denn als Störung empfunden. Als sensibel ist naturgemäß die Frage des Zustands von Waldwegen zu beachten.
Alles was dem Wald dient, wird befürwortet oder mindestens akzeptiert.
Was den Wald nutzt, wird kritischer gesehen.
Paradox erschien zunächst das Ergebnis, dass in der Meinungsfrage Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft von geringerer Qualität, weniger haltbar, weniger schön, billiger ..., aber eben umweltfreundlicher sei. Der „madige runzelige Bioapfel“ lässt grüßen?
Klischees taugen eben oft nicht zum Leben.
Dass von den Waldbesuchern hinsichtlich der Sinneswahrnehmung zu 50 % das Hören und zu 40 % das Riechen als wesentlich angeben wird, mag vielleicht verwundern. Mit nur 8% wird das Sehen als besonderes Sinneserlebnis absolut nachrangig empfunden. Es scheint also so zu sein, dass unsere Augen schon außerhalb des Waldes mit Reizen gesättigt sind, wenn nicht gar überreizt werden. Sehnsucht nach Ruhe oder besser nach artgerechter Geräuschkulisse gibt es dem gegenüber wohl im Wald in einzigartiger Weise; gleiches gilt für die Waldluft, die frei von den Übeln der Städte und Straßen ist.
Als Fazit mag hier die Aussicht und Aufforderung von Professor Suda an die Forstleute gedruckt sein, dem Wald ein Gesicht zu geben; dies durch einen Menschen, der mit dem Wald deutlich positiv besetzt ist – dem Förster/der Försterin.
Unser Berufsstand steht in der Meinung der Befragten für die Gewährleistung von „Ordnung“. Das ist gut so – nach innen und außen.
Überraschend viele Menschen geben an, schon Kontakt mit einem Förster gehabt zu haben. Nicht nur angesichts des drastischen Personalabbaus und der unsäglichen Vergrößerung von Revieren ist dies fast nicht zu glauben. Im Hörsaal ließ dies deshalb den zweifelhaften Schluss zu, dass sich viele Menschen offenbar Kontakte zu uns so sehr wünschen, dass sie ihn „gefühlt“ schon fast hatten. Der Fernsehförster aus dem Forstamt Falkenau reicht natürlich nicht aus - Wald zum Anfassen mit einem lebendigen Waldmenschen sowohl als Begleiter als auch Gesprächspartner außerhalb des Waldes ist das, was wirkt.

Nach den Professoren folgten Vorträge über das Europanetzwerk Waldpädagogik, Einblicke in den Bereich der Landesforstverwaltungen sowie von Vereinen und Verbänden wie der ANU, der SDW und dem BDF.

Über das Europanetzwerk mit seinem starken Motor Thomas Baschny haben wir schon berichtet. Ein Link dazu findet sich auf unserer Internetseite www.waldpädagogik.de.
Das Netzwerk entwickelt sich gut und agiert zunehmend als „deutschsprachiger Kern“ im Prozess der Untersetzung der Schlüsselaktion 10 des Forstaktionsplans der EU.
Mit Thomas Baschny, der als Vertreter des österreichischen Lebens(!)ministeriums auch die Waldpädagogik in seinem Land gut aufgestellt hat, verbindet sich die Hoffnung, dass sowohl seitens der Förderpolitik als auch in der europäischen Forstpolitik Waldpädagogik den Stellenwert bekommt, den sie national stark steigend einnimmt.

Auch die SDW informierte als starker strategischer Partner über ihre Leistungen in der Waldpädagogik. Ihre Vertreterin warb für ein breites Netzwerk und sparte nicht mit Lob und Sympathie für die Zusammenarbeit insbesondere mit uns Forstleuten.

Die Vertreterin der ANU (AG Natur- und Umweltbildung) wiederum stellte u.a. zumindest die praktische Waldpädagogik als staatliche Aufgabe in Frage, worauf sie in der Diskussion Unverständnis erntete.

Für den BDF verwies ich als Vertreter des Arbeitskreises Forstliche Umweltbildung auf die Interpretation der Nachhaltigkeit als historische Mission der Forstleute.
Eingangs ging ich auf gesellschaftliche Notstände ein. Mit dem Hinweis darauf, dass die Wiege der Nachhaltigkeit im Wald stand, sie jedoch im Grunde ein Kind der Not ist, leitete ich zu aktuellen Parallelen über. Unserem Berufsstand sprach ich die Schlüsselfunktion zu, Nachhaltigkeit zu interpretieren.
Diese Schlüsselrolle entspringt unmittelbar der forstlichen Tätigkeit, die mit der Fähigkeit und Erfahrung verbunden ist, aus der Natur unmittelbar zu schöpfen und diese Quelle auch zu kennen.
Demgegenüber sind die meisten nutzenden bzw. produzierenden Berufe von den wirklichen Quellen ihrer Arbeit entfernt. Hier ist es demgemäß viel schwerer, schon allein über die materiellen Aspekte der Nachhaltigkeit Zusammenhänge zu kennen und zu beachten.
In „Pseudowirtschaften“ wie etwa den Banken wird dies dann ganz schwierig: Geld scheint dort ja auch ganz ohne Arbeit vermehrbar, Zinserträge auch nachhaltig zu sein ...
Im Mittelpunkt meines Referats standen dann mit Blick auf die Lage der öffentlichen Forst(verwaltungen) aber Empfehlungen an Politik und „Forstchefs“.
Ganz in roten Lettern schrieb ich: Schluss mit dem Personalabbau!
Stattdessen sollte man künftig mehr Forstleute in die Waldpädagogik entsenden. Neue Einstellungen zu diesem wichtigen Tätigkeitsfeld sind genauso erforderlich wie Neueinstellungen.
Um Erfolg zu haben geht es aber auch um neue Ansätze und Inhalte, und damit um eine andere Qualität. Bei der Wichtung der Gemeinwohlaufgaben sind bei Knappheit von Geld oder Personal die unmittelbar für die Menschen wirksamen Leistungen in den Vordergrund zu stellen.
Waldpädagogik ist nicht der Rettungsanker oder gar der Ersatz für verlorene oder rationalisierte klassische Tätigkeiten, wie mancher Stratege vielleicht kalkulieren mag.
Diese Leistungen werden vielmehr dringend gebraucht - nicht etwa nur um Verständnis oder Akzeptanz für Forstwirtschaft zu erreichen.
Mit Blick auf die neuen Anforderungen an die Waldpädagogik stellte ich fest, dass unsere bisherigen Angebote weiter unverzichtbar sind - umgesetzt durch Wald-Spezialisten, also authentische Macher, die in der Urproduktion zu Hause sind und die Füße auf dem Waldboden haben.
Ich scheute mich nicht, in dieser Sache den historischen Bogen mit einem Rückblick bis zu den Kelten zu spannen, und machte den Vergleich zum Wirken der Druiden. Diese Funktion des Medizinmannes oder im weitesten Sinne „Heilers“ könnte unserer Berufsstand anteilig übernehmen. Dies setzt allerdings Interesse an den gesellschaftlichen Nöten und eine größere Offenheit voraus. Mit dem Wald als „heilige Stätte“ und Quelle für Kraft, Konzentration, Erkenntnis und Weisheit hüten und nutzen wir einen Juwel, der Antworten hat.
Abschließend streifte ich kurz die Thematik BNE und stellte hier die Bedeutung des Lokalen heraus. Ich hinterfragte die aktuelle Wirkung von BNE und auch: was kommt danach?
BNE und andere Prozesse der Globalisierung dürfen uns nicht den Blick dafür verstellen, dass sich die meisten Fragen nur vor Ort klären lassen.
Bei allem Reden: es muss vor allem um das Tun gehen. Mit Blick auf die vor den Folgen des Klimawandels fliehenden Menschen in Afrika wird dies drastisch deutlich.
Es ist Zeit für einen Klimawandel – im Denken!

In der abschließenden Diskussion wurde noch einmal - nicht nur vom BDF-Vertreter -klargestellt, dass sich der Staat aus der Umweltbildung keineswegs zurückziehen darf.
Die Waldpädagogik als wichtiger Beitrag dazu muss als staatliche Aufgabe vielmehr endlich umfassend ernst genommen und in großer Breite umgesetzt werden.
Es reicht nicht, ein paar Waldjugendspiele zu organisieren. So wichtig und erfolgreich dies auch ist: um noch wirksamer zu werden, müssen die Botschaften des Waldes und seiner Nutzung durch Multiplikation in vielen Kreisen ankommen – allen voran in der traditionellen Bildung.

Wir Förster haben im Grunde genauso viel Potenzial wie der Wald. Jedoch: die personellen Freiräume dafür müssen her, forstliche Konzepte den Stellenwert der Waldpädagogik erfassen und umsetzen.
Waldpädagogik ist also längst kein Kinderkram mehr.
Ein „Waldpädagogik-Virus“ ist nötig, der in Forstkreisen ansteckend wirkt und das dafür nötige Sendungsbewusstsein weckt.

Unser Berufsverband hat hier mit seinem Arbeitskreis Forstliche Umweltbildung schon viel erreicht. Theoretisch ist viel geordnet und systematisch aufgearbeitet worden. Es gibt Grundsatzpapiere und praktische Empfehlungen.
Die Internetseite www.waldpädagogik.de, aber auch der Arbeitskreis selbst laden alle Forstleute und Partner ein, sich hieran zu beteiligen.

Fazit:
Waldpädagogik ist ein großes Thema – unsere Gesellschaft braucht sie wie die Blume das Licht.
Sie ist aber gleichermaßen Zukunftsfeld für die Forstleute - beginnend an den Universitäten und Fachhochschulen; aber auch alle schon im Beruf Befindlichen sollten hier unbedingt mittun.

Peter Rabe