Mit dem Smartphone in den Wald?

Die stürmische technische Entwicklung hat es mit sich gebracht: derzeit finden sogenannte Smartphone rasend schnelle Verbreitung. Als "älterer Jahrgang" musste ich mich erst erkundigen: Ein Smartphone ist so etwas wie ein besonders "schlaues" Mobiltelefon, das noch mehr Computer-Funktionalität als ein herkömmlicher mobiler Fernsprecher besitzt. Es kann deshalb umgekehrt auch als kleiner transportabler Rechner mit Mobiltelefon-Eigenschaften verstanden werden. Was aber hat das mit Waldpädagogik zu tun?

Ein Hilfsmittel auch für die Artenerfassung
In den letzten Jahren auch mit der brandenburgischen forstlichen Artenerfassung im Wald befasst, fand ich kürzlich folgende Nachricht des rheinland-pfälzischen Umweltministeriums recht interessant:

"Öko trifft Technik: Der kauzige Naturbeobachter, der stundenlang auf ein Stück Wiese starrt und Notizen auf Papier kritzelt, könnte bald passé sein. In Rheinland-Pfalz soll künftig mit dem Smartphone die Umwelt erforscht werden.

Ein Hobbybiologe steht irgendwo in der freien Natur, sieht einen Steinkauz und zückt sein Smartphone. Mit ein paar Klicks hat er den Vogel in einer digitalen Kartei gefunden, das integrierte GPS-Navigationssystem speichert die Koordinaten seines Standorts - fertig ist die Kartierung. Wer sich das Programm aus dem Internet auf sein Smartphone lädt, kann auf einen Katalog mit Tieren und Pflanzen zugreifen und daraus die entdeckte Art auswählen. Anzahl und besondere Merkmale lassen sich ebenso speichern wie Fotos, die mit dem Handy gemacht werden. Gemeinsam mit den Standort-Koordinaten werden die Angaben an eine zentrale Datenbank geschickt. Im Internet können sie noch einmal geändert und anschließend dem MUFV übermittelt werden."

Sollte man so ein Gerät auch in der Waldpädagogik nutzen?

Ich fragte mich dann, nachdem ich auch noch das Smartphone meines Sohnes in Augenschein genommen hatte: kann man so ein Teil nicht eigentlich wunderbar auch als Naturlehrmittel für die Waldpädagogik nutzen?

Wir erinnern uns: In den 1990-ern wurde es üblich, die vielfältigen Lehr-, Lern- und Hilfsmittel für die Waldpädagogik unter dem Begriff Naturlehrmittel zusammenzufassen. Und: Bei einem Lehrmittel handelt es sich um ein bei pädagogischen Handlungen eingesetztes Hilfsmittel in der Hand des Lehrenden. Lernmittel wiederum sind die Medien für die Hand des Lernenden.

Chancen …
Wie zuletzt in der Frage um die waldpädagogische Anwendung von GPS diskutiert: Viele Angebote der waldbezogenen Umweltbildung laden dazu ein, speziell bei Aktivitäten mit älteren Schülern einen solchen - noch dazu fernsprechfähigen - Minirechner zu gebrauchen. Denken Sie zum Beispiel an die großen Möglichkeiten, die so ein "Taschen-Rechner" bei Waldprojekttagen, forstlichen Schüler-AGs, Ganztagsschulbetreuungen, Waldjugendspielen oder Waldrallyes für das "Abenteuer Wald", das "Wald erforschen" … eröffnen könnte.

Es wäre dies wiederum eine Gelegenheit, viele junge Leute genau dort abzuholen, wo sie sich, ohnehin technikbegeistert, eh' meist tummeln, wenn sie nicht gerade vor der "Glotze" sitzen: an PC + Handy. Sie können ja meist auch problemlos mit diesen Geräten umgehen.

… und Risiken
Aber aufgepasst: Wollen wir die Ziele der Waldpädagogik erreichen, heißt "am Smartphone abholen" ausdrücklich nicht "am Smartphone bleiben", sondern bedeutet in der Folge "den Zauber des Waldes be - greifen" und im Weiteren so wichtige Dinge wie "Waldgesinnung erwerben", "Wir-Tugenden verinnerlichen" und sogar "komm zu Dir selbst"!

Wo ist das Problem?
Mir scheint manchmal, dass wir Menschen heute

  • mit Informationen und wissenschaftlichen Erkenntnissen förmlich zugeschüttet werden; das macht vor allem Jüngeren zu schaffen, denen es an Lebensweisheit und damit an einem Maßstab fehlt, um hier Wichtig-Unentbehrliches von Unnütz-Überflüssigem unterscheiden zu können.
  • von diverser Technik geradezu umstellt sind; das ist speziell auf der Kommunikationsebene ein Problem für viele Ältere, die hier "nicht mehr mitkommen".

Was aber, wenn die moralische Entwicklung, also die "Handlungsmuster" unserer Zivilisation, sowie sittliche Reife und "Herzensbildung" einer Mehrzahl von Menschen diesem "rasenden" arbeitsteiligen Fortschreiten von Wissenschaft und Technik nicht mehr folgen können, und in einer entzauberten, schnelllebigen, laut-schrillen Maschinen-Zeit die Einheit beider bedroht ist? Das Ergebnis könnt man "Entfremdung vom selbst Geschaffenen" nennen; sie ist jedoch nichts anderes als eine Entfremdung von uns selbst, die immer auch dem "sich Entfernen" von unseren Mitmenschen und von "Mutter Erde" einhergeht. Denn: Technik kann nie "vollkommen" sein. Keine Maschine funktioniert besser als die, die sie programmiert haben.

Wer sich ein wenig in der Bibel auskennt, wird nun sagen "Alles schon mal da gewesen" und an die Geschichte vom "Turmbau zu Babel" denken. Wer noch dazu die jene Entwicklung flankierende verbreitete mediale "Dampfplauderei" und Dummschwätzerei unserer Zeit bedenkt, kann in dieser Sache auch im 1. Korintherbrief (13) nachschlagen, wo es u.a. heißt: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts."

Mit Beiträgen wie "Der Tag der Jugend und die Waldpädagogik“, "Junge Naturbanausen“ oder "Zurück auf die Bäume“ wurde in www.waldpädagogik.de bereits mehrfach auf dieses Dilemma hingewiesen, das immer dann entsteht, wenn eine Form den Inhalt zu dominieren droht.

Lasst uns in diesem Sinne in jedem Einzelfall weiter über die Möglichkeiten und Grenzen des Technikeinsatzes in der Waldpädagogik diskutieren, und dabei, klug wägend wagend, das richtige Maß finden!

Klaus Radestock klaus.radestock@gmx.de