Junge Natur-Banausen?

„Generation doof“ heißt ein 2008 erschienenes und viel verkauftes Buch, in welchem vermutet wird, dass die jungen Menschen in unserer Heimat seit einiger Zeit nicht mehr klüger, sondern wieder dümmer werden. Andere, auf der gleichen Wellenlänge liegende Titel sind „Die verblödete Republik“, „Warum unsere Kinder Tyrannen werden?“, „Deutschland verblödet“, „Verführt. Manipuliert. Pervertiert“, „Die Erziehungskatastrophe“… Verblöden „wir“ wirklich – und wenn ja: generell, nur partiell und vorübergehend, oder nur regional …?

Den Zeitungen konnte man in den letzten Tagen entnehmen: Es „pisat“ mal wieder. In der neuesten PISA-Nachfolgestudie wurden die Leistungen von Neuntklässlern aus 1466 Schulen aller 16 deutschen Bundesländer in den Fächern Deutsch und erste Fremdsprache untersucht.

Drei Dinge fallen bei der Umfeld-Lektüre besonders auf:

  1. Deutschland gibt weiterhin erheblich weniger Geld für Bildung aus als die meisten anderen vergleichbaren Industrienationen - gemessen am Bruttoinlandsprodukt sanken etwa die Gesamtausgaben von Staat und Privatwirtschaft auf diesem Gebiet von 6,8 Prozent (1995) auf 6,2 Prozent (2008).
  2. Die soziale Unausgewogenheit des deutschen Bildungssystems wächst: Bundesweit hat ein Kind aus dem „Bildungsbürgertum“ gegenüber einem Schüler aus einer Arbeiterfamilie bei gleicher Intelligenz inzwischen eine 4,5-mal so große Chance, ein Gymnasium zu besuchen. Viele Kinder von Hartz-4-Empfängern oder Migrantenfamilien sind inzwischen offenbar nahezu „abgehängt“ …
  3. Das Nord-Süd-Gefälle in unseren Schulen nimmt weiter zu. Es ist derzeit so, dass zum Beispiel bayerische Kinder, die am schlechtesten lesen können, immer noch vor den besten Bremer Schülern liegen.
    Dass jedes Bundesland seine eigene Schulpolitik macht, wird mit dem deutschen Föderalismus begründet. Solche staatliche Vielgestaltigkeit ist theoretisch eine schöne Sache, könnte dies doch ein hohes Maß an Bürgerfreundlichkeit sowie Wettbewerb und damit Ringen um die besten Lösungen bedeuten. Wenn sich jedoch - wie bei der Bildung - herausstellt, dass immer die selben Regionen vorn sind und Vergleichbarkeit offenbar kaum gegeben ist, sollte man nach den Ursachen fragen und die Konsequenzen ziehen.
    Wenn auch das nicht funktioniert: Verkehrsregeln gelten schließlich und gerechtfertigt von Usedom bis zum Bodensee - warum eigentlich wird das Zukunftsfeld Bildung bei uns weiterhin Opfer von „Kleinstaaterei“ und „Scheuklappen-Denken“? Das fragte übrigens kürzlich auch der pädagogische Sonderberichterstatter der UNO; er war im Februar 2010 durch Deutschland gereist, um zu untersuchen, wie das Recht auf Bildung hierzulande gewährleistet ist. Vernor Muñoz kritisierte bei dieser Gelegenheit vor allem die zunehmenden Kompetenzen der Bundesländer im Bildungsbereich und meinte, dass Deutschland dadurch die Möglichkeit verliert, eine auf diesem Gebiet sinnvolle Einheit zu gewährleisten.

Ich aber will „bei meinem Leisten“ bleiben und mir als Förster nicht anmaßen, Wohl und Wehe der deutschen Bildungspolitik beurteilen zu können. Als Teilaspekt des „Wehe“ und damit der Misere fällt mir jedoch bei meiner täglichen Arbeit im brandenburgischen Waldpädagogikzentrum das Folgende ganz besonders auf: Die „Natur-Verlassenheit“ der Schüler, die zu uns an die „Grünen Lernorte“ kommen, um waldbezogene Umweltbildung zu erfahren, wurde im Verlauf speziell der letzten Dekade offensichtlich und spürbar größer!
Bestätigt werde ich in meiner Ansicht durch den seit 1995 erscheinenden „Jugendreport Natur“, der soeben unter dem Titel „Natur: Vergessen?“ auch für 2010 erschien. Es ist an dieser Stelle nicht Platz, näher auf dieses bemerkens- und unbedingt lesenswerte Dokument eingehen; Sie finden es hier im Internet und können hier eine „Verdichtung“ auf die Themen „Wald“ und „Nachhaltigkeit“ lesen.
Haben also „Elternversagen“, medialer Einfluss aller Art, Konsumorientierung sowie schulisches wissenschaftlich-formell-abstraktes Lehren von Desoxyribonukleinsäure, Atomspaltung und Co. … ein subjektiv-konkretes Kennen, Verstehen und Mögen lebendiger Bäume, Vögel oder Käfer vor der eigenen Haustür inzwischen nahezu verdrängt, und was folgt daraus?

Von allen beklagenswerten Erscheinungen unserer Zeit scheint mir derzeit solche Naturentfremdung als die mit den weitreichendsten Auswirkungen. Denn: wir sind Kinder von „Mutter Natur“ - in ihr verwurzelt und geborgen. Menschen brauchen solche soliden Erdungen, um selbst dann mit beiden Beinen fest am Boden und aufrecht bleiben zu können, wenn sie in schwieriger Zeit das Leben einmal schüttelt und beugt. Diese Verankerung stellt sicher, dass wir uns nicht in Traumtänzereien verlieren, sondern selbstbewusst und verantwortungsvoll handeln können; sie schenkt uns Gewissheit, Gelassenheit, Ruhe und Kraft.
Ständige Naturkontakte sind unverzichtbar für alle Menschen, unersetzlich aber besonders für junge Leute, die ins Leben finden und sich selbst sowie ihre Nächsten verstehen und achten lernen sollen:
Das Herzklopfen eines geliebten Haustiers,
das Tümpel-Staunen, wenn aus geschwänzten düsteren Kaulquappen ein vierbeinige grüne Frösche werden,
der Klang der ersten selbstgefertigten Holunderflöte,
durchdringender Harzgeruch beim Besteigen des „Kletterbaums“,
die Faszination der abendlichen Lagerfeuerrunde mit Freunden …

- all das kann zwischen Wänden aus Beton, Stahl und Glas, mit endlosen Tagen an „Glotze“, Spielkonsole und Handy, in glitzernden „Shopping-Tempeln“ und schnellen Autos, unter Neonreklamen und maschinengemachten dröhnenden Bässen … niemals ersetzt werden.
Ich meine: Ein aus Dummheit, Eitelkeit und Mangel an Demut rührendes Kappen der natürlichen Wurzeln des Menschen ist dekadent und setzt die Zukunft unserer Kultur und vielleicht sogar Gattung auf’s Spiel!

Mit dem Rousseau-schen Ruf „Zurück zur Natur“ rollt in Deutschland derzeit nicht nur die Natur- und Waldkindergarten-Welle. Auch die Förster und ihre Partner von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) sowie andere Waldfreunde haben die Zeichen der Zeit erkannt und agieren mit ihrer Waldpädagogik seit langem als begehrte „Juniorpartner“ des Bildungswesens.
Generell gehen wir Waldleute heute davon aus und werden auch von unseren „Partner-Lehrern“ darin bestärkt: Im „Grünen Klassenzimmer“ steigt die Lernfreude; es kann dort vernetztes fächerübergreifendes Lernen anschaulich und im wahrsten Sinne des Wortes „be-greifbar“ gestaltet werden. Zeitnah bietet der Wald auch (wichtig gerade für Schüler im „Rüpelalter“, Aufmerksamkeitsdefizit-Betroffene …) Platz für den Umgang mit aufgestauten Aggressionen und verborgenen Ängsten und Unsicherheiten. Alle Beteiligten spüren: die Waldpädagogik lehrt „3D“ – das vermag (leider) kein Klassenzimmer.

Von Beginn an wurde in der Waldpädagogik der Zusammenarbeit zwischen Förstern und Lehrern höchste Priorität eingeräumt. Denn: schon der aus den Worten Wald und Pädagogik zusammengesetzte Begriff Waldpädagogik setzt die enge und permanente Kooperation zwischen Leuten mit Wald-Kompetenz (Förster) und Leuten mit Pädagogik-Kompetenz (Lehrer) voraus. Dabei achteten wir auch stets darauf, dass im Interesse der Sache die Authentizität und „Bodenhaftung“ der Berufsgruppen erhalten blieb. Eine Verschmelzung zu einem neuen „Berufsbild Waldpädagoge“ erschien uns bisher nicht sinnvoll: Förster sollten nicht „verlehrern“, Lehrer nicht „verförstern“; allein die gute Zusammenarbeit beider hat sich als wirklich zielführend herausgestellt. Sie wird immer öfter auch per „Förster-Lehrer-Tandem“ als besonders enge Art der Kooperation oder im Rahmen des partnerschaftlichen Konzepts „Wald macht Schule“ absolviert.

So einig sich in dieser Sache inzwischen viele Vertreter beider Berufsgruppen sind – man muss in Auswertung von 10 Jahren PISA und 16 Jahren „Jugendreport Natur“ leider feststellen: Von einer machtvollen und auch durch wichtige Entscheidungsträger sowie Meinungsbildner getragenen und damit gesamtgesellschaftlichen Bewegung gegen die existenzbedrohende Naturverlassenheit junger Menschen sind wir in Deutschland gegenwärtig noch weit entfernt.

Das scheint in den USA inzwischen anders: 2005 gelang es Richard Louv mit seinem Werk „Last child in the woods“, viele der Verantwortlichen aufzurütteln. Seitdem ist hier menschliche Naturferne, die immer auch dreifache Entfremdung (von sich selbst, vom Mitmenschen und von „Mutter Erde“) ist, als zukunftsgefährdendes Dilemma den großen Umweltproblemen gleichgestellt. Als Teil der dortigen Graswurzel-Bewegung engagieren sich in dieser Sache basisdemokratische und Bürgerinteressen im besten Sinne des Wortes wirkungsvoll gegenüber als unbeweglich empfundenen staatlichen Organisationen und dem „Mainstream“.

Wie lange werden wir Deutschen in dieser wichtigen Sache noch zögern?
Klaus Radestock, Fon 0049-33763-64444