„Generation
doof“ heißt ein 2008 erschienenes und viel verkauftes Buch, in welchem
vermutet wird, dass die jungen Menschen in unserer Heimat seit einiger
Zeit nicht mehr klüger, sondern wieder dümmer werden. Andere, auf der
gleichen Wellenlänge liegende Titel sind „Die verblödete Republik“,
„Warum unsere Kinder Tyrannen werden?“, „Deutschland verblödet“,
„Verführt. Manipuliert. Pervertiert“, „Die Erziehungskatastrophe“…
Verblöden „wir“ wirklich – und wenn ja: generell, nur partiell und
vorübergehend, oder nur regional …?
Den Zeitungen konnte man in den letzten Tagen entnehmen: Es „pisat“ mal wieder. In der neuesten PISA-Nachfolgestudie wurden die Leistungen von Neuntklässlern aus 1466 Schulen aller 16 deutschen Bundesländer in den Fächern Deutsch und erste Fremdsprache untersucht.
Drei Dinge fallen bei der Umfeld-Lektüre besonders auf:
Ich aber will „bei meinem Leisten“ bleiben und mir als Förster nicht
anmaßen, Wohl und Wehe der deutschen Bildungspolitik beurteilen zu
können. Als Teilaspekt des „Wehe“ und damit der Misere fällt mir jedoch
bei meiner täglichen Arbeit im brandenburgischen
Waldpädagogikzentrum das Folgende ganz besonders auf: Die
„Natur-Verlassenheit“ der Schüler, die zu uns an die „Grünen Lernorte“
kommen, um waldbezogene
Umweltbildung zu erfahren, wurde im Verlauf speziell der letzten
Dekade offensichtlich und spürbar größer!
Bestätigt werde ich in meiner Ansicht durch den seit 1995 erscheinenden
„Jugendreport Natur“, der soeben unter dem Titel „Natur: Vergessen?“
auch für 2010 erschien. Es ist an dieser Stelle nicht Platz, näher auf
dieses bemerkens- und unbedingt lesenswerte Dokument eingehen; Sie
finden es
hier im Internet und können
hier eine „Verdichtung“ auf die Themen „Wald“ und „Nachhaltigkeit“
lesen.
Haben also „Elternversagen“, medialer Einfluss aller Art,
Konsumorientierung sowie schulisches wissenschaftlich-formell-abstraktes
Lehren von Desoxyribonukleinsäure, Atomspaltung und Co. … ein
subjektiv-konkretes Kennen, Verstehen und Mögen lebendiger Bäume, Vögel
oder Käfer vor der eigenen Haustür inzwischen nahezu verdrängt, und was
folgt daraus?
Von allen beklagenswerten Erscheinungen unserer Zeit scheint mir derzeit
solche Naturentfremdung als die mit den weitreichendsten Auswirkungen.
Denn: wir sind Kinder von „Mutter Natur“ - in ihr verwurzelt und
geborgen. Menschen brauchen solche soliden Erdungen, um selbst dann mit
beiden Beinen fest am Boden und aufrecht bleiben zu können, wenn sie in
schwieriger Zeit das Leben einmal schüttelt und beugt. Diese Verankerung
stellt sicher, dass wir uns nicht in Traumtänzereien verlieren, sondern
selbstbewusst und verantwortungsvoll handeln können; sie schenkt uns
Gewissheit, Gelassenheit, Ruhe und Kraft.
Ständige Naturkontakte sind unverzichtbar für alle Menschen,
unersetzlich aber besonders für junge Leute, die ins Leben finden und
sich selbst sowie ihre Nächsten verstehen und achten lernen sollen:
Das Herzklopfen eines geliebten Haustiers,
das Tümpel-Staunen, wenn aus geschwänzten düsteren Kaulquappen ein
vierbeinige grüne Frösche werden,
der Klang der ersten selbstgefertigten Holunderflöte,
durchdringender Harzgeruch beim Besteigen des „Kletterbaums“,
die Faszination der abendlichen Lagerfeuerrunde mit Freunden …
- all das kann zwischen Wänden aus Beton, Stahl und Glas, mit
endlosen Tagen an „Glotze“, Spielkonsole und Handy, in glitzernden
„Shopping-Tempeln“ und schnellen Autos, unter Neonreklamen und
maschinengemachten dröhnenden Bässen … niemals ersetzt werden.
Ich meine: Ein aus Dummheit, Eitelkeit und Mangel an Demut rührendes
Kappen der natürlichen Wurzeln des Menschen ist
dekadent und setzt
die Zukunft unserer Kultur und vielleicht sogar Gattung auf’s Spiel!
Mit dem Rousseau-schen Ruf
„Zurück zur
Natur“ rollt in Deutschland derzeit nicht nur die Natur- und
Waldkindergarten-Welle. Auch die Förster und ihre Partner von der
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) sowie andere Waldfreunde haben
die Zeichen der Zeit erkannt und agieren mit ihrer
Waldpädagogik seit
langem als begehrte „Juniorpartner“ des Bildungswesens.
Generell gehen wir Waldleute heute davon aus und werden auch von unseren
„Partner-Lehrern“ darin bestärkt: Im „Grünen Klassenzimmer“ steigt die
Lernfreude; es kann dort vernetztes fächerübergreifendes Lernen
anschaulich und im wahrsten Sinne des Wortes „be-greifbar“ gestaltet
werden. Zeitnah bietet der Wald auch (wichtig gerade für Schüler im „Rüpelalter“,
Aufmerksamkeitsdefizit-Betroffene …) Platz für den Umgang mit
aufgestauten Aggressionen und verborgenen Ängsten und Unsicherheiten.
Alle Beteiligten spüren: die Waldpädagogik lehrt „3D“ – das vermag
(leider) kein Klassenzimmer.
Von Beginn an wurde in der Waldpädagogik der Zusammenarbeit zwischen Förstern und Lehrern höchste Priorität eingeräumt. Denn: schon der aus den Worten Wald und Pädagogik zusammengesetzte Begriff Waldpädagogik setzt die enge und permanente Kooperation zwischen Leuten mit Wald-Kompetenz (Förster) und Leuten mit Pädagogik-Kompetenz (Lehrer) voraus. Dabei achteten wir auch stets darauf, dass im Interesse der Sache die Authentizität und „Bodenhaftung“ der Berufsgruppen erhalten blieb. Eine Verschmelzung zu einem neuen „Berufsbild Waldpädagoge“ erschien uns bisher nicht sinnvoll: Förster sollten nicht „verlehrern“, Lehrer nicht „verförstern“; allein die gute Zusammenarbeit beider hat sich als wirklich zielführend herausgestellt. Sie wird immer öfter auch per „Förster-Lehrer-Tandem“ als besonders enge Art der Kooperation oder im Rahmen des partnerschaftlichen Konzepts „Wald macht Schule“ absolviert.
So einig sich in dieser Sache inzwischen viele Vertreter beider Berufsgruppen sind – man muss in Auswertung von 10 Jahren PISA und 16 Jahren „Jugendreport Natur“ leider feststellen: Von einer machtvollen und auch durch wichtige Entscheidungsträger sowie Meinungsbildner getragenen und damit gesamtgesellschaftlichen Bewegung gegen die existenzbedrohende Naturverlassenheit junger Menschen sind wir in Deutschland gegenwärtig noch weit entfernt.
Das scheint in den USA inzwischen anders: 2005 gelang es Richard
Louv mit seinem Werk
„Last child in the woods“, viele der Verantwortlichen aufzurütteln.
Seitdem ist hier menschliche Naturferne, die immer auch dreifache
Entfremdung (von sich selbst, vom Mitmenschen und von „Mutter Erde“)
ist, als zukunftsgefährdendes Dilemma den großen Umweltproblemen
gleichgestellt. Als Teil der dortigen
Graswurzel-Bewegung engagieren sich in dieser Sache
basisdemokratische und Bürgerinteressen im besten Sinne des Wortes
wirkungsvoll gegenüber als unbeweglich empfundenen staatlichen
Organisationen und dem „Mainstream“.
Wie lange werden wir Deutschen in dieser wichtigen Sache noch zögern?
Klaus Radestock, Fon 0049-33763-64444