"Zurück auf die Bäume!"

Kind im Wald Nach der Lektüre des Jugendreports Natur 2010 "Natur: Vergessen?" fanden sich viele Forstleute, Waldfreunde der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und andere waldpädagogisch Tätige in ihrer Auffassung bestätigt, eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen sei heute von der galoppierenden Naturverlassenheit und -entfremdung erfasst. Eine aktuelle Geo-Publikation legte in dieser Sache nun noch einmal tüchtig nach.

Nicht mit der ROUSSEAU-schen Forderung "Zurück zur Natur“, sondern mit dem noch provozierenderen Ausruf "Zurück auf die Bäume!“ wurde im aktuellen Geo-Heft vom Naturphilosophen ANDREAS WEBER leidenschaftlich "das Kinderrecht auf Freiheit" angemahnt und - auf unsere Jüngsten bezogen - appelliert: "Lasst sie raus!"

"Hier heißt es zum Beispiel:
"Kinder lieben die Natur, und brauchen sie. Dass sie kaum noch draußen herumstrolchen, ist eine zivilisatorische Katastrophe ... Denn mit dem Schwinden des ungezügelten Spiels im Freien droht etwas Unersetzliches verloren zu gehen: die Möglichkeit, seelische, körperliche und geistige Potenziale so zu entfalten, dass Kinder zu erfüllten Menschen werden. Natur ist ein elementares menschliches Bedürfnis …

Romantik? Nein, ein Befund der Gehirnforschung. Ihr Erkenntnisstand: Die Gegenwart der Natur, das Spiel in ihr … sind relevant für die Befriedigung der Bedürfnisse heranwachsender Menschen. Wird ihnen die Freiheit verwehrt, unkontrolliert von Erwachsenen in einer von selbst gewordenen - nicht künstlich gefertigten - Welt Erfahrungen zu machen, können Kinder zentrale Fertigkeiten nur sehr schwer entfalten. Ohne die Nähe zu Pflanzen und Tieren verkümmert ihre emotionale Bindungsfähigkeit, schwinden Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude."

Fragt man nach den Ursachen solcher Entwicklung, landet man bei einem laut-schrillen und hektisch-bewegtem technisierten Zeitgeist, dem oberflächlichem Konsumismus breiter Bevölkerungskreise, massenmedialen Einflüssen von "Glotze", PC, Handy und Co. … Im Kern mag dabei durchaus zutreffen, was OLIVER KALKOFE einmal feststellte: "Die Geschichte des Fernsehens ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Dabei hat dieser kleine Kasten vielleicht mehr zur Verblödung der Menschheit getan als jedes andere Medium."

Der Geist unserer Zeit wird jedoch von den Menschen bestimmt, die ihn prägen, und da kommt man dann unweigerlich zu den Eltern dieser natur- und damit auch von sich selbst entfremdeten Kinder, und in der Folge zu deren Eltern aus der öffentlich viel gelobten (und weniger öffentlich viel kritisierten) "68-er Generation". Über sie las ich kürzlich den folgenden Vers von HEINZ HUG, dem Autor des Buches "Die Angsttrompeter": "Der Gutmensch ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und meist das Dumme schafft."

Das Ergebnis: Viele der kulturrevolutionär & grenzen- und maßlos aufgewachsenen Väter und Mütter haben offenbar erhebliche Selbstwert-Probleme; es fehlt ihnen an Gelassenheit, innerer Ruhe und Kraft und dem, was unsere Altvorderen Seelenfrieden nannten. In der Folge kontrollieren - reglementieren - betonieren sie ihre (oft Einzel- und spätgeborenen) Kinder mit eigenen Phobien, Unsicherheiten oder Unzulänglichkeiten zu und nehmen ihnen damit den Raum, das "Leben einatmen" zu können. Als Entscheidungsträger und Meinungsbildner haben sie darüber hinaus auch den zunehmenden Bürokratismus sowie die Reglementierung durch "Verrechtlichung" aller Lebensbereiche mit zu verantworten, die auf unerreichbare Ziele wie "hundertprozentige Sicherheit", "Versicherung gegen alles und jedes" oder "absolute Gleichheit" ausgerichtet sind. In der Summe all dessen scheint es mir manchmal so, als sei unsere Gesellschaft heute "der Angst zugewandt".

Ein kleines persönliches Beispiel in dieser Sache: Als ich drei oder vier war, stellten mir meine Eltern einmal ein kleines Aquarium in das Kinderzimmer. Dann durfte ich Zeuge eines Naturwunders sein: mit Staunen und plattgedrückter Nase verfolgen, wie aus qualligem Laich schwärzliche geschwänzte Kaulquappen und dann schließlich grüne bebeinte Frösche wurden. Und dann - die winzigen Lurche mussten natürlich zurück in ihren heimatlichen Teich gebracht werden - ging's raus in die Natur zur ersten Tümpel-Tour … Wurden durch Erlebnisse wie dieses die Weichen gestellt, dass ich später nicht nur Förster und "Waldbote", sondern auch dreifacher Vater sowie ein lebensfroher und nachhaltig denkender Mensch wurde?

Heute müssten meine Eltern für die Entnahme dieser Kaulquappen aus der Natur wohl mit einer Anzeige rechnen (verboten!) – und das, obwohl allen Beteiligten klar sein dürfte, dass der Rückgang der heimischen Lurcharten ganz andere Ursachen hat als die zeitweilige Entnahme von Kaulquappen zu pädagogischen Zwecken. Haben wir es hier (auch) mit Augenauswischerei durch "Naturschutz pervers" zu tun?

Zurück zum Geo-Artikel: ANDREAS WEBER, der Autor von "Zurück auf die Bäume!" wertet nicht nur die Erfahrungen seiner beiden "freiluftwilligen" Kinder Emma und Max mit der (Berliner) Bürokratie aus. Er bezieht sich ausdrücklich auch auf die Ergebnisse des neuesten Jugendreports Natur (wir berichteten dazu kürzlich unter "Junge Natur-Banausen?“), wenn er fordert, die schleichende "Indoor-Krankheit" unserer Zeit zu erkennen und zu heilen. Wer mehr dazu wissen möchte, lese einmal seinen faszinierenden Geo-Beitrag oder WEBERS Werke "Alles fühlt“, "Biokapital …“

Ergänzende Praxistipps zum Walderleben mit Kindern geben u.a. diese Bücher:

Viele weitere Walderlebens-Anregungen finden Sie in unserer reichhaltigen "Naturlehrmittelbörse“.


Klaus Radestock,
Fon 033763-64444