Der österliche Rasselbock …
in der Waldpädagogik

In der waldbezogenen Umweltbildung spielen neben Grundlagen, Grundsätzen, Akteuren, Angeboten, Themen und Anlässen auch Methoden eine große Rolle. Sie beschreiben die Art und Weise ihrer Durchführung oder kürzer: den Weg zum Ziel. Eine (bisher noch wenig gebräuchliche) waldpädagogische Methoden-Gruppe ist dabei das Mystifizieren - hierbei gilt es, sich die Wunderwelt des Waldes mit märchenhaften Ausflügen ins Übernatürliche zu erschließen.

Geheimnisvollen Waldwesen wie Zwergen, Trollen, Feen, Elfen … wird im „Mythos Wald“ bekanntlich übermenschliche Kraft und Macht nachgesagt. Sie spielen in uralten Glaubensvorstellungen der keltischen, slawischen oder germanischen Völker, später auch bei den überlieferten Märchen des ausgehenden Mittelalters sowie in den Novellen und der Belletristik der deutschen Romantik eine Rolle. Bis heute ist die Sammlung von Volksmärchen der Gebrüder Grimm auf diesem Gebiet weltweit prägend.

Bedenkt man, dass „märchen-empfängliche“ Vor- und Grundschüler die wichtigste Zielgruppe der Waldpädagogik sind, und erwägt man ferner, dass in einer wachsenden Zahl von Elternhäusern keine Märchen mehr erzählt oder gelesen werden, obwohl das für die kindliche Entwicklung nachweislich von hohem Wert ist, so wird ihre Bedeutung als Methode der Umweltbildung deutlich.
Wenn auch derzeit das Lesen und Zuhören mehr und mehr durch das Filmeschauen in Kino oder „Glotze“ abgelöst wird - wie faszinierend derartige Mythen noch (und zunehmend auch) heute sind, zeigt der Erfolg moderner „Fantasy-Werke“ wie Harry Potter oder Herr der Ringe.
Wollen wir in unserer heutigen verwissenschaftlich-nüchternen Welt ab und an vielleicht doch etwas „verzaubert“ werden?

Auch beim „Mythos Wald“ ist es wichtig, dass das rechte Angebot zur rechten Zeit erfolgt.
Jetzt, da Ostern vor der Tür steht, liegt die Gedankenverbindung zum Thema Hase nahe. Natürlich ist schon der berühmte „Osterhase“ ein faszinierender Volksglaube – man kann in dieser Hinsicht jedoch auch einmal dem geheimnisvollen „Rasselbock“ nachspüren!

Urteilen Sie selbst:

Rasselbock-Mythos …

Der Rasselbock (früher auch Raspelbock) ist in großen Teilen Mitteleuropas zu Hause.
Er heißt so im Osten und Norden Deutschlands, wird aber in Hessen auch
Tipptapp, in Bayern Wolpertinger, in Österreich Raurackl und in der französischen Schweiz Dahu genannt.
Die der Neuen Welt vorkommende Varität
Jackalope entstand vermutlich aus Exemplaren, die zur Zeit des nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges von in Diensten der britischen Krone stehenden hessen-kasselschen Soldaten aus ausgesetzt wurden.

Das seltsame Geschöpf gilt den meisten Menschen heute als Fabelwesen, dessen Steckbrief, Abbild oder Präparat man häufig in Forsthäusern, Jagdhütten, Wildgaststätten und ähnlichen Einrichtungen antrifft.
Es handelt sich dabei meist um einen ausgestopften
Hasenkopf, dem das Geweih eines Rehbocks aufgesetzt ist

Bild: Der Foto-Beweis: junger Rasselbock; gut erkennbar an dem noch wenig und auch unregelmäßig entwickelten Gehörn (Foto: Klaus Radestock; Forsthaus Frauensee)

… und Wirklichkeit

Nur wenige Eingeweihte wissen jedoch:
In der Unterart Hirculus crepans flachlandensis kommt dieses außergewöhnliche hasenähnliche Wildtier auch bei uns vor!

Aussehen und (Miß)Töne

Der Gemeine Tiefland-Rasselbock besitzt ein dichtes, glänzendes, auf dem Rücken dunkel gesprenkeltes Fell von gelblich-silbergrauer Farbe. Er ist dadurch aus der Ferne einem Miniaturlöwen nicht unähnlich, kann wiederum durch seine Größe vom Ameisenlöwen gut unterschieden werden: Die Kopf-Rumpf-Länge misst bei ausgewachsenen Tieren 60 bis 80 cm.

Im Gegensatz zum gewöhnlichen „Meister Lampe“ trägt der pelzige Geselle auf der Stirn zwei, in seltenen Fällen jedoch nur ein „Hörnchen“. Diese werden aber nicht - wie beispielsweise beim Rehbock - jährlich abgeworfen, sondern bleiben bis zum Lebensende dort sitzen, wachsen und wachsen …

Die überdimensionalen, vom Rasselbock-Kenner Lichter genannten, Augen sind mit Rundum-Blick ausgestattet und großartig an das Leben im Dunkeln angepasst. Aber auch durch die sehr langen, drahtigen Tasthaare links und rechts der Schnuppernase verfügt der Nager über einen ausgezeichneten Orientierungssinn - auch in stockfinsterer Nacht.

Vom Reh, das bekanntlich „schreckt“ (manche hören heraus: „bellt“), kann der Rasselbock stimmlich leicht durch seine schleimig-heiser-röchelnden Knurrlaute unterschieden werden.

Lebensweise und Vermehrung

Das sehr heimliche, nachtaktive Tier hält sich tagsüber in einer Ruhepfanne im undurchdringlichen Dickicht auf. Brombeer- oder Himbeerhecken werden für die Anlage dieser Wohnkuhle, auch Sasse genannt, bevorzugt – Hauptsache stachelig geschützt!

Der Rasselbock ist kein Säugetier. Einmal in zwei Jahren legt die Rasselgeiß 1 - 2 Eier.
Die Brutzeit ist mit fünf bis sieben Wochen außergewöhnlich lang.
Ist der Schlupfmoment heran gekommen, sind den kleinen Dotterschwimmern auf der Stirn winzige knöcherne Zacken gewachsen, aus denen sich später die „Hörner“ entwickeln.
Damit ritzen die dann auch „Wald-Rasslinge“ genannten Winzlinge ihre Ei-Schalen von innen auf und bahnen sich somit den Weg ans Licht.

Die Lebenserwartung beträgt 12 bis 15 Jahre – so alt wird kein Hausschwein!


Warnung!

Der Rasselbock ist extrem scheu und geht dem Menschen grundsätzlich aus dem Wege. Wird er aber dennoch einmal überrascht oder soll gar mittels „Kartoffelsack-Jagd“ eingefangen werden, kann sich besonders das alte erfahrene Tier mit seinem verhältnismäßig mächtigen Geweih wirkungsvoll zur Wehr setzen.

Bild: … wie der Rasselbock gejagt wird

Die von ihm für uns ausgehende Gefahr ist jedoch wesentlich geringer als die Möglichkeit, auf der Autobahn zu verunglücken! Der wichtigste Grund:
Dieser Vierbeiner kann vom Menschen nur beobachtet, zu einem blitzlicht-gestützten Fototermin gestellt (oder gar gefangen) werden, wenn Ostern auf Vollmond sowie den ersten April fällt. Das ist bekanntlich nur sehr selten der Fall, und wird 2010 knapp verfehlt.

Eigentlich schade!

… wie der Rasselbock entlarvt wird:


... im “Waldquiz-Fundus„ ab S. 19 findet man auch Fragenswertes über Rasselbock & Partner:

Klaus Radestock, Fon 033763-64444