Geheimnisvolle „Fährten, Spuren und Geläufe“
Waldpädagogik im Winterwald

Viele Förster laden derzeit zu „Fahndungen“ nach „Fährten, Spuren und Geläufen“ in ihre tief verschneiten Reviere ein.
Die Gelegenheit ist günstig: Deutschland liegt ja seit Wochen unter einer geschlossenen Schneedecke. Eine idyllische Winterlandschaft erfreut die Erholungssuchenden, macht den Wald aber auch spannend - dem stillen Waldwanderer sind jetzt eine Fülle von Naturbeobachtungen möglich!


Lurche, Kriechtiere und Insekten bekommen wir derzeit natürlich nicht zu Gesicht, und über die Bodenpflanzen ist eine schützende Schneedecke ausgebreitet. Uns fallen in dieser Jahreszeit im Wald vielmehr zahllose Spuren auf, die besonders die Säugetiere oder Vögel im Schnee hinterlassen.

Gerade die Säugetiere bekommen wir sonst ja nur selten zu sehen. Die meisten entziehen sich unserer Betrachtung, weil sie meist dämmerungs- oder nachtaktiv und sehr scheu sind. Jagdbares Wild zum Beispiel flüchtet bei der geringsten Störung.
Wenn der Schnee jedoch als „weißer Leithund“ dient, offenbart sich uns die ganze Vielfalt nächtlichen Tierlebens.
Der Ideale Spurschnee ist eine dünne Schicht feinkörnigen, nicht zu nassen Pappschnees auf einer ebenen, harten Unterlage, wie etwa einem Weg. Hier sind die Abdrücke klar und scharf, die charakteristischen Zeichen leicht abzulesen. Loser Pulverschnee dagegen verwischt die Spuren aufgrund der abbröckelnden Ränder. Liegt der Schnee zu hoch, stecken die Spuren in tiefen Löchern und sind ebenfalls schwer zu bestimmen.

Auf den ersten Blick sind die „Fußabdrücke“ der Tiere im Schnee in drei Gruppen einteilbar - Fährten, Spuren und Geläufe:

  1. Die markanten, meist gut erkennbaren „Fußabdrücke“ der Schalenwildarten Rotwild, Damwild, Muffelwild und Schwarzwild nennt der Jäger Fährten, den einzelnen Abdruck Trittsiegel.
    Diese Tiere treten nur mit den Spitzen zweier Zehen auf, haben jedoch vier. Sie verursachen damit den deutlichen Abdruck paariger Schalen, die nach hinten in eine rundliche Vertiefung, den Ballenabdruck, übergehen. Die beiden anderen Zehen, die der Jäger Geäfter nennt, sind kleiner und sitzen so hoch an der Rückseite des Laufes, dass sie den Boden meist nicht berühren.
    Im Schnee hinterlassen sie besonders bei hochflüchtigem Wild und beim Schwarzwild, dem sie recht tief sitzen, deutlich kommaförmige Abdrücke. Das Trittsiegel des Vorderlaufes ist etwas größer als das des Hinterlaufes und meist gespreizt. Bei flüchtigem Wild verstärkt sich diese Spreizung. Das Trittsiegel erscheint dann v-förmig.
  2. Die „schalenlosen“ Säuger hinterlassen Spuren ihrer krallenbewehrten Pfoten, die übrigens in der Waidmannssprache beim Haarraubwild Branken mit Klauen heißen. Der Einzelabdruck wird hier vom Jäger Tritt genannt. In diese Gruppe gehören etwa Hase, Kaninchen, Dachs, Fischotter, Wildkatze, Marderhund, Waschbär, Fuchs, Iltis, Hermelin, Stein- und Baummarder.
    Diese Tiere haben vier bis fünf Zehen, deren Ballenabdrücke im Tritt vor dem Fuß zu sehen sind. Sie werden von den Abdrücken der Krallen überragt. Der Hasenspur fehlen die Ballenmarkierungen, der Katzenspur die der Krallen.
  3. Die „Fußabdrücke“ der Vögel heißen in der Waidmannsprache Geläufe.

Aber: nicht nur die Tierspuren sind im Winterwald erlebenswert – hier weitere Tipps:

Bei einer Waldwanderung kann ein aufmerksamer Beobachter derzeit zahlreiche Hinweise zu den Spechten des Waldes erhalten. Achten Sie beispielsweise einmal auf Löcher und Gänge in verschneiten Ameisenburgen. Hier ist der Grünspecht eingedrungen, um die tief im Nesthügel überwintern­den Tiere zu erbeuten.

Dutzende zerzauste Kiefern- oder Fichtenzapfen unter einem Baum oder Telegrafenmast verraten eine Schmiede des Großen Buntspechtes. Der Vogel holt sich Zapfen und klemmt sie mit der Spitze nach oben in geeignete Spalten oder Ritzen. Besonders geeignet sind ihm die tiefen Rindenfurchen alter Eichen, die deshalb manchmal mit festgekeilten Zapfen übersät sind. Dann bearbeitet er sie mit seinem meißelförmigen Schnabel, um an die Samen zu gelangen. Ist nur eine Ritze vorhanden, die der Vogel übrigens oft selbst ausmeißelt, wird der leere Zapfen beim Antransport des neuen entfernt, und am Stammfuß entsteht nach und nach ein Zapfenberg.

Andere Samen dienen den Kleinvögeln im Winter als Futter. Wenn der Stieglitz die Winterstände der Distel aufpickt, der Zeisig Weidenkätzchen frisst oder Drossel und Fink Hagebutten verzehren, ist der Schnee ringsum mit Pflanzenresten übersät. Die Drosselarten fressen das Fleisch der Hagebutte und lassen den Samen zurück. Bei den Finken ist es umgekehrt.
Sollten Sie übrigens Bucheckern oder Haselnüsse in Rindenspalten entdecken, sind Sie auf ein Vorratslager des Kleibers, vielleicht aber auch eines Eichhörnchens gestoßen.

Vom Einbruch der Dunkelheit an ertönt im Hochwinter vielerorts der Paarungsruf des männlichen Waldkauzes, ein tiefes huuh-huhuhuhuhuhuhuh. Dieses Heulen, das oft noch von lautem Kreischen und Fauchen ergänzt wird, fehlt ja bekanntlich in kaum einem Kriminalfilm, der im Wald spielt.
Vom Weibchen hört man dagegen ein gellendes „kujwitt“, was den Käuzen den ganz unverdienten Ruf eines Totenvogels eingetragen hat, der den Menschen mit seinem „komm mit“ ein baldiges Ende prophezeite.

Die urwüchsige Schönheit der Laubbäume wird erst jetzt, da sie in der Winterruhe ihre Blätter abgeworfen haben, richtig deutlich. Stamm, Krone und Verästelung der Zweige kommen nun gut zur Geltung. Die unterschiedliche Rindenstruktur hat auch eine differenzierte Astüberwallung zur Folge:

An den Eichen sind beispielsweise „Rosen“, auf der silbrigen Buchenrinde „Chinesenbärte“ zu sehen.
Die Laubbäume vermitteln uns bei einem Winterspaziergang aber auch mit ihren Knospen viel nützliches Wissen. Diese künftigen Blüten und Blätter der verschiedenen Baumarten unterscheiden sich in Aussehen, Bau und Stellung am Zweig. Es sind oft wunderschöne Naturgebilde. Sehen Sie sich beispielsweise die großen glänzenden Knos­pen der Rosskastanie einmal näher an. Sie haben Drüsen, die harzige Stoffe absondern. Schön sind auch die tiefschwarzen, auf graugrünen Zweigen sitzenden Eschenknospen, eindrucksvoll die schwärzlichvioletten, seidig weiß behaarten Knospen der Eberesche auf ihren silbergrauen Zweigen.
In den Kronen winterkahler Laubbäume, besonders auf Pappel und Birke, kann man im Winter auch die immergrünen, kugeligen Büsche der Mistel gut erkennen. Der Halbschmarotzer senkt seine Saugwurzeln in die Äste des Wirtsbaumes, um ihnen Wasser und Nährstoffe zu entnehmen.

Die weißen, ab Dezember reifenden Mistelbeeren sind eine beliebte Vogelnahrung. Diese Pflanze nutzt Drossel, Amsel oder Elster trickreich als „Samenboten“ aus.

Unter der schützenden Laub- und Schneedecke pulsiert das Leben der Bodenpflanzen auch in der kalten Jahreszeit. Wer etwa im Januar versehentlich einmal eine Zwiebel von Schneeglöckchen, Buschwindröschen, Scharbockskraut, Märzenbecher oder Krokus aus dem Boden gegraben hat, wird erstaunt sein, wie weit sie bereits vorgetrieben hat. Diese Pflanzen sind in der Tat bereits im Oktober, wenn noch Astern und Chrysanthemen blühen, startbereit für das kommende Frühjahr.

Von den an Bäumen vorkommenden Pilzen ist der Zunderschwamm in der kalten Jahreszeit besonders auffällig. Er kann älter als 30 Jahre werden und wächst in schönen, bis 40 cm breiten Konsolen besonders an Buchen und Birken. Als Baumparasit macht er das Holz brüchig sowie weißfaul und erleichtert so dem Specht die Anlage von Baumhöhlen. Die fahlbraune Zunderschicht wurde früher in Scheiben geschnitten, mit Salpeter getränkt und weichgeklopft. Der Zunder diente als Feueranzünder, blutstillendes Mittel und Zeichenschwamm. Heute werden die Konsolen gern als Wandschmuck genutzt.

Übrigens:

  • Geführte Wanderungen durch den Winterwald finden Sie hier: www.treffpunkt-wald.de.
  • Wissenswertes zur Kunst des Fährtenlesens finden Sie u.a. hier: www.waldwissen.net/themen/waldoekologie/tieroekologie/wsl_spuren_im_Schnee_DE
  • Geben Sie bitte Acht auf manchmal unter der Schneelast brechende Äste und Zeige oder Eisanhänge!
  • Egal, ob Sie „per Pedes“ oder auf Skiern unterwegs sind – bitte bleiben Sie auf den Waldwegen, laufen Sie nicht „querwaldein“ und lassen Sie vor allem Ihre Hunde angeleint.

Denn: so schön die schneebedeckte Natur für unser Auge ist, so hart ist das Leben nun für die Tiere hier draußen – viele von ihnen haben nun Notzeit!

Warum ist das so?

Oberstes Gebot ist für Waldbewohner derzeit, Energie zu sparen.
Wer nicht Winterschlaf bzw. Winterruhe hält oder in Winterstarre gefallen ist, muss - wie etwa das Rehwild - tagtäglich auf Nahrungssuche gehen. Störungen durch Menschen oder Hunde können nun, speziell bei starkem Frost oder verharschten Schnee, lebensbedrohend sein. Die Waldtiere reagieren hierauf mit panischer Flucht und reißen dabei ein tiefes Loch in ihren Energiehaushalt.
Kommt dies öfters vor, dann steht ihr Überleben auf dem Spiel!

Klaus Radestock