„Waldsingen“

Musik wird heute meist als die organisierte Form von Tönen und Geräuschen definiert. Als vielleicht früheste Form menschlicher Kultur hat sie von jeher einen besonderen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Auch den heute lebenden Menschen begegnet die Musik in nahezu jeder Lebenssituation. Weshalb sollte sie denn aber auch als unverzichtbare Waldpädagogik-Methode gelten?

„Musik aktiv“ in Deutschland - die bloßen Zahlen sind eigentlich beeindruckend: rund acht Millionen Menschen spielen in Orchestern, Rock- und Jazzgruppen oder singen in Chören, in über tausend Musikschulen lernen über eine Million Kinder oder Jugendliche ein Instrument und musizieren in Ensembles … Ohne dies alles aber „kleinreden“ zu wollen, sei einmal gefragt: Gilt das auch für „Michel Normalverbraucher“, oder vielleicht doch nur für „Bildungsbürger“?

Ist Ihnen einmal aufgefallen, dass im Alltag unserer Heimat immer weniger gemeinsam aktiv musiziert oder in der Muttersprache gesungen wird, und die Musik damit nicht mehr „Lebensmittel“ ist? Wer singt heute angesichts der Verlockungen von “Glotze“, Spielkonsole & Co. und der Macht der kommerziellen Massenmedien in unserer „Eventgesellschaft“ eigentlich noch bei der täglichen Arbeit, beim Wandern oder geselligem Beisammensein mit Freunden und Kollegen, an Weihnachten, in Badewanne oder Auto … und aus „Spaß an der Freude“ oder Lust am Leben noch einfach vor sich hin? Wer kennt mehr als die jeweils ersten Strophen der Lieder oder gar deren Noten? Sind wir von aktiven „Machern“ zu passiven „Hören“ und „Beschallten“ herabgesunken?

Das aber wäre ungut, denn nicht ohne Grund reimten unsere Altvorderen einst: “Dort wo man singt, da lass’ Dich nieder – böse Menschen kennen keine Lieder“. Dieses Sprichwort zielt auf die Erkenntnis, dass singende Leute offenbar keine (besser: selten – wir allen kennen Ausnahmen) böse Gedanken oder Absichten hegen. Man weiß es längst: Musik gibt Seelenfrieden, innere Ruhe, Mut und Kraft - sie macht empfänglich für das Schöne und Gute. Ihre Wirkung auf unser Gemüt ist gewaltig, und wir kennen ihren Einsatz in der Heilkunde. Spielend, singend, fantasierend, gestaltend … kann man sie zur Steuerung von Aggressivität und Gewalt, zum Abbau aufgestauter Gefühle oder zur Verbesserung von Stimmungslagen einsetzen. Das „Reich der Töne“ ist von seinem Ursprung her deshalb vollkommen auf das soziale Miteinander und Verstehen des Anderen angelegt und somit „Nächstenliebe pur“. Denn: der Umgang mit Musik "öffnet“ uns zum Mitmenschen. Beim gemeinsamen Musizieren ist der Einzelne eins mit einem Ganzen, weiß sich als Glied einer Kette und ist doch getragen zu einer Höhe, die er allein nicht erreichte.


Der Musiker Yehudi Menuhin hat dazu einmal gesagt: „Würde nur jede Parlamentssitzung dieser Welt mit einem Bach-Choral beginnen, um wie viel weniger aggressiv und feindlich wären die Diskussionen.“

Die „Voraussetzungen von Musik“ sind für unsere Gattung hervorragend: Jedermann ist musikalisch, jedes Kind hat „Musik im Blut“ - die Musikalität gehört sozusagen zur menschlichen Grundausstattung. Sie ist wie die Sprache immer auch Erleben, Ausdruck, Selbstverwirklichung … und ergänzt unsere Wort gar auf eine unverzichtbare Art und Weise, die Victor Hugo einmal so beschrieb: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“ Der Philosoph Friedrich Nietzsche ließ deshalb einst zu diesem Thema verlauten: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“.

Was hat das nun alles mit Waldpädagogik zu tun?
Wir diskutieren in Sachen Sinn und Zweck der waldbezogenen Umweltbildung mancherorts heute bekanntlich dies: „Waldpädagogik hat den nachhaltig handelnden Menschen zum Ziel. Sie befähigt dazu, Verantwortung für sich selbst, gegenüber Anderen und den nach uns Kommenden sowie gegenüber der Natur zu übernehmen.“ Wenn das zutrifft, so muss aus der dargestellten Wohlfahrts- und menschenfreundlichen Wirkung der Musik (und speziell des aktiven Musizierens) ihre unverzichtbare Rolle für unsere Arbeit erwachsen.

Wir sollten also prüfen, inwieweit die Musik viel mehr als bisher zur Methode und damit „Weg zum Ziel“ bei Waldprojekttagen und Jugendwaldeinsätzen, in der Schulwaldarbeit, zu Waldjugendspielen, in Waldtheatern, Waldmobilen und „Grünen Lernorten“ aller Art, bei Försterwanderungen, forstlichen Ganztagsschulbetreuungen … werden kann.Im Bundesland Brandenburg gibt es dafür gute Ansätze: In vielen Waldschulen oder Waldkindergärten ist (auch) gemeinsames Singen angesagt, in den Waldlehrgärten gehören „Waldxylofone“ zur obligaten Ausstattung, in mancher forstlichen Schüler-AG ist Jagdhornblasen gefragt …

Eine schöne Musik-Tradition entwickelt sich darüber hinaus beispielsweise am „Waldkabinett Schwedt“ (Landesbetrieb Forst Brandenburg, Betriebsteil Eberswalde): Am 17. Juni 2010 fand dort unter dem Motto „Wald und Musik“ bereits das zweite „Waldsingen“ statt.
Heuer hatten sich 6 Gruppen mit 98 Akteuren angemeldet. Sie überzeugten Jury und Zuhörer in einem je 10- bis 15-minütigen Programm mit Liedern rund um den Wald von ihrem Können. Für alle teilnehmenden Kinder gab es ein Andenken als „Dankeschön“. Die drei besten Gruppen jedoch konnten sich lukrative Preise ersingen. Herzlich eingeladen zu diesem Waldkonzert waren auch alle Muttis und Vatis, Omas und Opas und natürlich die Einwohner der Stadt Schwedt und Umgebung. Alle Besucher erhielten einen Stimmzettel, auf dem sie ihren Favoriten ankreuzen konnten - dieser fand bei der Entscheidung der Jury Berücksichtigung. Das sind gute Beispiele – sie müssen Schule machen! Denn was die „Breitenwirkung“ und Akzeptanz des „Reiches der Töne“ als obligaten Bestandteil waldpädagogischer Programme angeht, stehen wir alle wohl noch ganz am Anfang. Lassen Sie uns also einmal bundesweit über die Möglichkeiten (und Grenzen) der Waldpädagogik-Methode „Musik“ diskutieren. Wir freuen uns auf einen regen Erfahrungs- und Informationsaustausch!

Klaus Radestock, eMail klaus.radestock@affwu.brandenburg.de