Im Märchenwald

Märchenwald„Von Hexen, Helden und Hutzelmännchen“ – so lautet am 29. August 2010 das Motto einer Märchenwald-Wanderung rund um das Rheinland-Pfälzer „Haus der Nachhaltigkeit“.
Dies sei Anlass, das Märchen-Erzählen allen „Wald-Dolmetschern“ erneut als eine wunderbare Methode der Waldpädagogik speziell für die Zielgruppen der Vor- und Grundschüler sowie Familien zu empfehlen.

Was soll uns heute Übersinnliches, Zauberhaftes ...?

Ist das gut: Weise Waldfrauen, Waldschrate, -geister und -wichte, Zwerge und Riesen, Gnome und Kobolde, Elfen und Feen, Zauberer- und Hexenspuk sowie Teufelskram?
Kann und soll all das (auch) Gegenstand der Waldpädagogik sein?

Nicht erst nach dem riesigen Erfolg solcher Bücher und Filme wie Herr der Ringe, Harry Potter ... frage ich mich: Warum eigentlich nicht? Müssen wir die Leute nicht dort abholen, wo sie sind, und wollen wir nicht alle, selbst noch als Erwachsene, in unserer nüchtern-verwissenschaftlicht-hektischen Welt ab und an vielleicht doch wieder etwas einmal „verzaubert“ und „mystifiziert“ werden?
Außerdem: wenn denn der „nachhaltig handelnde Mensch“ das Ziel unserer waldpädagogischen Arbeit ist, und Nachhaltigkeit immer auch „ Denken in Generationen“ bedeutet – sollte man dann nicht viel öfter als bisher (auch) nach den Ursprüngen oder „Wurzeln“ schauen und fragen: „Woher kommen wir?“, „Wie haben das unsere Altvorderen einst die Welt gesehen?“, „Wie entstanden unsere Bräuche und Mythen?“

Warum Märchen ...

Das Wort Mythos stammt aus dem Altgriechischen. Es bezeichnete einst eine erzählerische Verknüpfung sagenhafter, oft grundlegender und urtümlicher, aber nicht unbedingt wahrer Ereignisse. Unsere Altvorderen übersetzten dieses Wort auch mit dem Begriff Mär, von dessen Verkleinerungsformen Märlein und Märchen sich das Letztere bis heute gehalten hat.

Märchen gelten heute als eine ganz spezielle Form der Mythen. Es sind frei erfundene Erzählungen, die von wundersamen Begebenheiten berichten und in denen phantastische Elemente wie Fabelwesen, sprechende Tiere, Verwandlungen ... vorkommen. Inhaltlich steht meist ein Held im Mittelpunkt, der Auseinandersetzungen mit guten und bösen, natürlichen und übernatürlichen Kräften bestehen muss. Sie verdichten menschliche Erfahrungen in einer besonderen Bilder- und Symbolsprache, die Menschen bis heute fasziniert.
Diese Geschichten, um die sich in unserer Heimat zur der Zeit der Romantik besonders die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm verdient machten, beginnen meist mit den Worten „Es war einmal ...“ und schließen oft mit
„... und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.“

... über den Wald

Der Wald ist als jener Bereich der Natur Gegenstand der Märchen, welcher unsere Städte und Dörfer umschließt und dafür sorgt, dass wir menschliche Ansiedlungen als eine vom Außen des Waldes umfasste Mitte erleben.
Er erscheint jedoch keineswegs nur (und damit einseitig) ein Phänomen des Märchens. Wald und Märchen stehen gerade in Mitteleuropa vielmehr in einem innigen Bezug, sind voneinander abhängig und aufeinander angewiesen.
In den Volksmärchen ist der Wald zumeist noch mehr Gegenspieler als Partner des Menschen; der Märchenwald erscheint als Schauplatz von Gefahren, Verlockungen, verschlüsselten Ängsten und Sehnsüchten.

Was wäre das Märchen ohne den Wald? Diese Frage ist schnell beantwort, wenn wir seinen fast immer waldbezogenen Handlungsablauf einer „waldlosen“ Version gegenüberstellen. Am Beispiel des Märchens Rotkäppchen verglich einmal eine vierte Grundschulklasse die von allen geliebte Fassung mit einer „getürkten“ Variante. Hier fand die Begegnung zwischen Wolf und Kind auf einer städtischen, von Hochhäusern flankierten Straße, also einer für die Phantasie armen Umgebung, statt. Das Urteil der Schüler fiel eindeutig zugunsten der in allen Märchenbüchern erzählten Form aus. Dies geschah aber keineswegs (nur), weil es die vertraute Geschichte ist, sondern „weil es der Wolf auf der asphaltierten Straße zwischen Betonsilos nicht aushalten würde.“ Für die Kinder war klar: der Wolf braucht seinen Lebensraum, und dort ist auch der natürliche Ort der Begegnung beider Märchengestalten.
Die Welt des Waldes bereichert fast alle Märchen unserer Heimat auch, weil es in ihm geheimnisvoll-dunkel-unberührt-wild und der Weg dorthin sowie hindurch nicht immer leicht ist.

Was die Menschen in den Wald treibt, hat heute viel mit dem Wunsch nach Freiheit, Freizeit, Erholung und Bildung zu tun, früher jedoch meist mit den Sorgen und Nöten des Alltags. Von der kultivierten Siedlung aus sahen die Menschen auf den Waldrand und machten ihn zu einer Projektionsfläche ihrer Träume, Einbildungen, Schrecken und Wünsche.
Meist bestand als Ausgangssituation im Märchen ein nicht länger zu ertragender Mangel, der als Motivation dient, in den Wald zu gehen, denn: Not macht bekanntlich nicht nur erfinderisch, sondern kennt einer weiteren Volksweisheit zufolge auch kein Gebot mehr. Wer dorthin wollte, suchte oder brauchte etwas - unbedingt.

Er war bereit, gewohnte Bahnen zu verlassen und den Weg ins Ungewisse anzutreten. Denken wir an Hänsel und Gretel - der Familie geht das Brot aus, und der Vater führt seine Kinder in den Wald, wo sie (vielleicht) überleben konnten. Dieser Vorgang deckt sich mit der Erfahrung unserer Altvorderen: Bei Gefahren und Hungersnöten gingen sie in den Wald, um Beeren, Früchte oder Pilze zu suchen, Tiere zu erlegen ... Kam der Feind ins Land, suchte man für Mensch und Vieh hier an entlegenen Stellen Schutz. Der Wald bot auch neue Heimat für Entrechtete und Ausgestoßene - Stülpner-Karl, Schinderhannes, Robin Hood ... lassen grüßen.
Im Wald erlebten die Suchenden dann eine Ganzheit des Lebens, die in Dörfern und Städten nur noch lückenhaft bestand. Was entfremdet und dadurch aus dem Gleichgewicht gekommen war, wollte im Wald wieder eins sein mit der Schöpfung, um zu gesunden. Der Wald war den Menschen „Urmutter Natur“ – er konfrontierte mit der „natürlichen“, im Alltag oft verdrängten Seite des Lebens.

... und in der Waldpädagogik?

Bedenkt man, dass „märchenempfängliche“ Vor- und Grundschüler die wichtigste Zielgruppe der Waldpädagogik sind, und erwägt man ferner, dass in einer wachsenden Zahl von Elternhäusern keine Märchen mehr erzählt oder gelesen werden, obwohl das für die kindliche Entwicklung nachweislich von hohem pädagogischen Wert ist, so wird ihre Bedeutung als Methode (auch) der waldbezogenen Umweltbildung deutlich.
Es gibt wohl wenige der aktuellen, an Vor- oder Grundschüler oder Familien gerichteten waldpädagogischen Themen zu geeigneten Anlässen im Jahreslauf, der sich waldpädagogisch tätige Forstleute, Mitglieder der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald oder andere „Waldprofis“, die selbst noch kleine Kinder oder sich ein kindliches Gemüt bewahrt haben, nicht (auch) mit Waldmärchen-Anregungen nähern könnten.

Alle Angebote der waldbezogenen Umweltbildung laden gleichermaßen dazu ein. Denken Sie zum Beispiel an die Möglichkeiten,

  • in Einrichtungen wie Waldschulheimen, Waldschulen, Rucksack-Waldschulen Schulwäldern, Waldlehrgärten und anderen „Grünen Lernorten“ auf vielerlei Weise „märchenhaft“ tätig zu werden,
  • sich beim Waldtheater sowie in Walderlebniswelten der Märchen-Methode zu bedienen,
  • auf Waldlehrpfaden (immer auch) auf den Aspekt „Wald & Märchen“ hinzuweisen oder
  • sich bei Försterwanderungen mit Familien, aber auch bei forstlichen Schüler-AGs, Ganztagsschul- oder Kindergartenbetreuungen ... immer auch der Märchen zu bedienen.

Übrigens:

  • Im Johanniskreuzer Haus der Nachhaltigkeit kann man Näheres über die im „Anreißtext“ Anlass bietende Märchen-Veranstaltung erfahren.
  • Auch im Bundesland Brandenburg sind schon viele Jahre lang nicht nur „Märchentanten“, sondern mancherorts sogar „Märchenwald-Tandems“ aus Märchenerzählern und Forstleuten unterwegs. Besonders letztere haben sich damit ein dankbares Publikum erarbeitet: die eine erzählt Märchen, der andere trägt mit Wissenswertem und Spannendem zu den jeweils „gastgebenden Forstorten“, Tieren und Pflanzen bei.
    Das erfolgt zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Meist klingt der märchenhafte Waldtag in gemütlicher Lagerfeuer-Runde bei Glühwein, Brot, Wurst und Speck aus.
  • Die www.waldpädagogik.de-Redaktion freut sich auf eine angeregte Diskussion zu der wichtigen Waldpädagogik-Methode „Märchen“.

Klaus Radestock
Fon 0049-33763-64444