Ein „Waldpädagogik-Projekteschmied“ und seine Erfolgsprodukte

Der ProjekteschmiedSeit über sechs Jahren ist Forstwirt Hartmut Jänner am brandenburgischen Waldpädagogik-Zentrum, dem Märkisches Haus des Waldes, als Projekte-Entwickler eingesetzt. Seine Arbeit richtet sich hier auf die Ideenfindung, Planung, Programmentwicklung, Durchführung, Erfolgskontrolle, Vernetzung und „Vermarktung“ ausgewiesener Erfolgsprodukte der waldbezogenen Umweltbildung. Vor wenigen Tagen wurde der verdiente Mann anlässlich seines 65. Geburtstages von der dankbaren Haus-des-Waldes-Mannschaft mit dem Titel „Waldpädagogik-Projekteschmied“ geehrt.

Es gibt vielerlei Angebote, thematische Programme, methodische Anwendungen, forstliche oder partnerschaftliche Institutionen ..., die zum Erfolg der brandenburgischen Waldpädagogik beitrugen. In den letzten Jahren richtete sich die Aufmerksamkeit vieler Akteure vor allem auf die Walderlebniswelten.

Walderlebniswelten – Lehrpfade der besonderen Art

Die Idee der Walderlebniswelten entstand aus der Notwenigkeit einer Weiterentwicklung der waldpädagogischen Kategorie Waldlehrpfad.
Wie kam es dazu?

Es gibt in Deutschland derzeit weit über 1000, im Bundesland Brandenburg fast 100 Waldlehrpfade. Die ersten derartigen „Waldparcours“ entstanden im Märkischen bereits in den 1920-er Jahren. Bis zu den 1970-ern konzipierte man zunächst nur schilder- und tafelgestützte „Belehr“- und Informationspfade.
Dann kamen auch „Nummernpfade“ auf: Die „Naturexponate“ wurden hierbei relativ unauffällig (und damit waldfreundlicher) nummeriert; der Begang war dann allerdings nur mit Hilfe eines an einem zentralen Punkt („Starttafel“ etc) gelagerten Begleitmaterials möglich.
Seit den 1980-ern schließlich gibt es auch verschiedene Typen von Erlebnispfaden, die den Waldaufenthalt mit „Kopf, Herz und Hand“ und damit nachdrücklicher ermöglichen sollten. Auch waldmobil-gestützte „rollende Walderlebnispfade“ zur Verwendung auf Messen und anderen Großveranstaltungen bzw. im schulnahen Raum gibt es schon – sie werden seit der Jahrtausendwende genutzt.
Zur Gruppe der Walderlebnispfade zählen auch die (technisch und finanziell sehr aufwändigen) Baumkronenpfade, deren Besonderheit darin besteht, dass die Besucher zwischen den Baumwipfeln von Laubmischwäldern hindurch geführt werden.
Alle diese Waldlehrpfade (auch die modernen Erlebnispfade!) haben gegenüber anderen waldpädagogischen Angeboten mehrere Nachteile: Sie können nicht zielgruppenorientiert angewandt werden (stehen also der interessierten Familie ebenso offen wie dem betrunkenen Disco-Heimkehrer - was sie natürlich nicht leisten können) und sind oft sehr aufwendig sowie „zerstörungsintensiv“. Sie vermögen einen menschlichen „Waldinterpreten“ in keiner Weise zu ersetzen und werden insofern manchmal auch als „waldpädagogische arme Sau“ (= letzte und schlechteste Möglichkeit der Waldpädagogik) bezeichnet.
Um diese Nachteile ein wenig auszugleichen, ging man im Interesse zusätzlicher Zielgruppenorientierung vor etwa 10 Jahren dazu über, die (ohnehin vorhandenen) Lehrpfade auch als Grundlage/Basis fachlich betreuter Wald(rallye)-Parcours, Waldprojekttage, Waldseminare ... zu verwenden.
Kosten- und auch ästhetikrelevant war es, als seit Mitte der 1990-er Jahre statt großer aufwändiger Informationstafeln schlichtere, weniger gefährdete und dem Wald angepasstere Informationsträger verwendet werden. Bewährt haben sich dabei z.B. „Waldmännlein“. Das sind ca. 120 cm hohe und ca. 20 cm dicke Rundhölzer, unter deren abklappbarem, mit „Greifnase“ versehenen Kopf die Informationen/Anregungen sichtbar werden.
Das Sicherheits- und Kostenargument war auch Auslöser des um 2000 einsetzenden Trends „Vom Waldlehrpfad zum Wald-Erlebnispunkt“: Statt auf einer kilometerlangen anfälligen Wegestrecke kommen die Informationen/Anregungen in einem geeigneten Gelände „kompakt“ zur Darstellung. Solche Erlebnispunkte sind oft in unmittelbarer Nähe von Forsthäusern oder touristischer bzw. gastronomischer Einrichtungen angelegt.
Die Bedürfnisse Bildung - Erholung bzw. Bildung - Ernährung können so miteinander verknüpft, die Anlagen gut beaufsichtigt werden.
Weitere Lehrpfad-Trends“ waren die zum „Waldhörpfad“ oder auch zum „Themenpfad“:
Bei letzterem werden diese Pfade statt eines thematischen „Rundumschlags“ (den der Besucher oft gleich wieder vergisst, sobald er den Wald verlassen hat) mit einprägsamen Themen und Bezeichnungen als „roter Faden“ zum Waldbegang angeboten – Spechtlehrpfad, Ameisenlehrpfad, Eichhörnchenlehrpfad ... sind bereits erprobte Beispiele. Als Leitmotive dienen dabei oft waldbezogene Fachgebiete/Themen, welche sich in besonderer Weise eignen, die Waldinterpretation an einfachen klaren Beispielen modellhaft zu gestalten.
Eine interessante Variante des „Themenpfades“ ist die „Lesefährte“. Die Besucher können hier an Lesepulten, die aus Stammabschnitten gearbeitet sind, „Waldweisheiten“ nachlesen. Seit 2005 hat sich auch am historischen Forsthaus Hammer im südöstlichen Berliner Umland eine solche „Lesefährte“ auf Basis geharzter Kiefern-Abschnitte bewährt. Es sind hier Wald-Texte von Theodor Storm, Alexander von Humbold, Ernst Jünger, Wilhelm Hauff ... zu finden. Der aus Österreich stammende Künstler Wolfgang Georgsdorf entwickelte diesen Pfad gemeinsam mit Forstleuten der Oberförsterei Hammer. Insgesamt sollen hier einmal 30 „Harz-Pulte“ aufgestellt werden.
In Fortführung dieser Idee des „roten Fadens“ experimentiert man seit der Jahrtausendwende auch mit einer waldpädagogisch sehr erfolgreichen – weil, das haben Erfolgskontrollen gezeigt, nachhaltig wirksamen - und außerordentlich beliebten Kompakt-Form von Lehrpfaden, den Walderlebniswelten.

Ein Erfolgsprodukt brandenburgischer Waldpädagogik

Walderlebniswelten

  • gehen auf die „Igelpfad-Idee“ von Forstwirtschaftsmeister Roland Boljahn (brandenburgische Waldschule „Am Rogge-Busch“ / Müllrose) von 1995 zurück,
  • wurden erstmalig im Jahr 2000 am Märkischen Haus des Waldes in Heidesee erprobt; die damals hier eröffnete „Hirschkäferwelt“ gilt als Prototyp bzw. „Mutter“ aller heutiger Walderlebniswelten und ermöglicht seitdem jährlich ca. 4.000 Besuchern (meist Grundschülern) einen unvergesslichen Waldtag als „großes Krabbeltier“,
  • sind heute als forstfachlich betreute, mit speziellen Naturlehrmitteln ausgestattete Parcours definiert, in welchen den Besuchern (vor allem Kindern) ermöglicht wird, sich mit liebenswerten Waldbewohnern zu identifizieren und durch diesen „Rollentausch“ nicht nur ein tiefes Verständnis für Wald und Forstwirtschaft zu entwickeln, sondern dabei auch sich selbst sowie seine „Mitmacher“ besser kennen zu lernen, auf diese Weise Seelenfrieden und Nächstenliebe zu entwickeln ...,
  • werden i.d.R. zu waldpädagogischen, oft am Maskottchen der entsprechenden Einrichtungen orientierten, kindgerechten Fokussierungen von WP-Leitthemen entwickelt,
  • sind bisher meist im Umfeld (z.B. Waldlehrgärten, Schulwald ...) größerer waldpädagogischer Einrichtungen entstanden und damit auch ein geeignetes Mittel zur deren >Profilierung,
  • werden seit 2006 in Brandenburg nicht mehr als Lehrpfade, sondern als eigene Waldpädagogik-Kategorie gezählt,
  • ermöglichen i.d.R. fachlich betreute (also vorangemeldete) Veranstaltungen, jedoch ist mit „abgespeckten“ Programmen auch „freie“ Besuchernutzung möglich und
  • bestehen in „Reinkultur“ aus vier Komponenten: dem eigentlichen thematischen Parcours, dem thematischen Stützpunkt (Museum, Ausstellung, Werkstatt ...), dem thematische „Waldladen“ und der thematische „Waldküche“.

Der „Pirschweg“ – eine Walderlebniswelt neuen Typus

Im Jahre 2004 wurde der Forstwirt und passionierte Jäger Hartmut Jänner am Märkischen Haus des Waldes mit der Entwicklung einer Walderlebniswelt neuen Typus beauftragt: es entstand hier im Waldlehrgarten in der Folgezeit der „Pirschweg“.
Im Unterschied zur „Hirschkäferwelt“ geht in dieser Jagderlebniswelt nicht eine ganze Schulklasse auf einmal hindurch, sondern im von Waldjugendspielen bzw. Waldrallyes bekannten „Stationsbetrieb“ (Hinweis: wegen der durchschnittlichen 26-er Klassengrößen haben sich für solche Einrichtungen inzwischen 8 Stationen bewährt) als „Jungjäger-Kleingruppen“ zu 3 – 4 Beteiligten.
Sie ist ferner nicht mehr auf Grundschulkinder, sondern auf Schüler der Sekundarstufe 1 gerichtet.
Schließlich gilt der „Rollentausch“ (also die „Verwandlung in einen liebenswerten Waldbewohner“) erstmals keinem Waldtier, sondern dem Jäger als einem traditionellen menschlichen Waldnutzer.
Der „Pirschweg“ konnte im Jahre 2008 den Probebetrieb aufnehmen; es gelang zu diesem Zeitpunkt auch, den bei seiner Entwicklung gewonnen Erfahrungsschatz zum Waldpädagogik-Thema Jagd in das Projekt „Qualitätsentwicklung Bildung für nach­haltige Entwicklung (BNE) in der Wald­pädagogik“ einzubringen und damit auf Bundesebene zur Verfügung zu stellen.

Ein „Fuchsbau“ im Waldschulraum

Seit 2008 betreibt Hartmut Jänner mit der Umgestaltung des Waldschulraums am Märkischen Haus des Waldes zum „Fuchsbau“ ein weiteres Walderlebniswelt-Projekt, das dieser Tage fertiggestellt wird und erstmals als Schlechtwetter-Variante angelegt ist:
Die Besucher können hier einmal im Leben „selbst Fuchs sein“, sich in acht Erlebnisstationen in „Reinecke“ hineinversetzen, seine Rolle im Naturhaushalt, seine Lebensweise und seinen Lebensraum näher kennen und in der Folge nicht nur „Nachbar Rotfuchs“, sondern auch sich selbst besser verstehen lernen.

Berater-Rolle für andere Projekte

Aufgrund seiner großen Erfahrungen auf dem Gebiet von Walderlebniswelten und -parcours war und ist Hartmut Jänners einschlägiger Rat auch an anderen brandenburgischen waldpädagogischen Einrichtungen gesucht, wo man sich auf diese Weise an kindgerechten Fokussierungen waldpädagogischer Leitthemen versucht und damit profiliert, z.B. an

  • der Waldameisenerlebniswelt (Waldschule „Am Rogge-Busch“ / Müllrose; im Aufbau),
  • der Holzerlebniswelt (Rucksackwaldschule Baruth; im Aufbau),
  • der Spechterlebniswelt (Waldschule „Zum Specht“ Börnichen; Ideenfindung),
  • der Bienenerlebniswelt (Arboretum Königs Wusterhausen; im Aufbau),
  • der Fledermauserlebniswelt (Waldschule Reiersdorf; in Planung),
  • der Wolfserlebniswelt (Waldschule Kleinsee; Ideenfindung),
  • der Eichhörnchenerlebniswelt (Waldschule Blankenfelde; in Planung),
  • der Wildschweinerlebniswelt (Grüner Lernort / Waldbegegnungsstätte „Krämer“; Ideenfindung),
  • der Hirscherlebniswelt (Waldschule „Jägerhaus“ Groß Schönebeck; im Aufbau),
  • der „Praxis Dr. Wald“ (Märkisches Haus des Waldes; im Aufbau) und
  • dem „Holzplatz“ (Märkisches Haus des Waldes; im Aufbau).

Hierzu hat sich in den letzten Jahren ein umfassender Erfahrungs- und Informationsaustausch entwickelt.

Zukunft als „Unruheständler“

Ich bin ganz sicher:
Auch nach seiner Verabschiedung aus dem aktiven Forstdienst wird der „Waldpädagogik-Projekteschmied“ Hartmut Jänner als forstlicher „Unruheständler“ und Waldpädagogik-Referent der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald der waldbezogenen Umweltbildung und ganz besonders der großartigen Walderlebniswelten-Idee treu bleiben!

Klaus Radestock
Fon 033763-64444