Ab
29. August 2010 präsentiert das „Haus der Nachhaltigkeit“ in
Johanniskreuz (Rheinland-Pfalz) Intarsienkünstler aus Deutschland und
Frankreich. Aus diesem Anlass sei einmal gefragt: Inwieweit kann sowohl
der Zusammenhang von Wald & Kunst ein Thema der Waldpädagogik als auch
künstlerisches Gestalten eine waldpädagogische Methode sein?
Was ist eigentlich Kunst?
„Kunst kommt von Können“, meinten unsere Altvorderen, und lagen mit
dieser Lebensweisheit richtig:
Der Begriff Kunst stammt aus dem Althochdeutschen und bedeutet Wissen,
Weisheit und Kenntnis.
Er bezeichnet heute meist Elemente der menschlichen Kultur, welche nicht
vordringlich durch Zweckmäßigkeit, sondern im Ergebnis eines
schöpferischen Gestaltungsprozesses durch besondere Kreativität und
Ästhetik geprägt sind. Mir gefällt in diesem Zusammenhang ein
Definitionsvorschlag von Claus Tiedemann, wonach Kunst ein kulturelles Tätigkeitsfeld ist, in dem Menschen sich aufgrund
vorhandener Begabungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten bemühen, ihre
Gefühle und Gedanken durch ein selbst geschaffenes Werk oder einen
Schaffensprozess auszudrücken.
Die Frage danach, was Kunst ist oder nicht ist, zählt seit langem zu
den umstrittenen Fragen nicht nur der Philosophie, sondern auch der
„Kunstszene“ selbst und des Alltags. Das wird auch durch den sich
ständig verändernden Wortsinn verständlich:
Im Mittelalter bedeutete der Kunstbegriff im weitesten Sinne, eine
entwickelte Fähigkeit auszuüben: Ärzte die Heilkunst, Bierhersteller die
Braukunst, Rhetoriker die Kunst der Rede, Bäcker die Kunst des
Brotherstellens ... Damit hielt man Kunst meist für das das Resultat
einer Betätigung, welche überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt.
In späteren Epochen der Entwicklungsgeschichte engte man die Bedeutung
des Wortes meist auf die Ausdrucksformen der „schönen Künste“ ein:
„Kunst-Moden“ im Wandel der Zeiten“
Auch künstlerischen Ambitionen und „Moden“ wandelten sich mehrfach:
Für die „klassischen“ Künstler der Renaissance etwa bestand der
Anspruch, die Wirklichkeit abzubilden und die Natur harmonisch und
zeitlos abzubilden. Man strebte nach „äußerer Richtigkeit“ und wollte
„Kunst für die Ewigkeit“ schaffen.
Die Kunstwerke der Romantik hingegen unterschieden sich von streng
klassischen Werken durch den Ausdruck von Gefühl, Leidenschaft und
Individualität. Motive der Sehnsucht, Mythen und Legenden standen im
Vordergrund; die Künstler suchten das „Ideal“.
Für den Gestaltungsprozess und das „Endprodukt“ moderner und
zeitgenössischer Kunst ist es schwieriger, ein Werk einzuordnen und nach
dem künstlerischen Gehalt zu beurteilen, da solche Normen oder Kriterien
heute nicht mehr gelten; sie wird zu großen Teilen von Zügel- und
Regellosigkeit bestimmt. Oft ist nicht die Vollendung eines Kunstwerks,
sondern die Art seiner Entstehung Maßstab für den künstlerischen Gehalt.
Man will zwar weiterhin Gefühle und Visionen, immer öfter aber vor allem
Kritik ausdrücken oder einfach schockieren.
Hinzu kommt: die althergebrachten Medien der Kunst wurden durch neue wie
Fotographie, Druck, Film, Funk … erweitert. Auch die benutzten
Materialien haben sich schier endlos vermehrt.
Der Wald in der …
Neben „Gebirge“ und „Meer“ ist „Wald“ den Menschen ein Synonym für
„Natur“.
Die Ursprünglichkeit, der Nutzen und die Schönheit des Waldes
beeinflusste unsere Gattung von jeher nicht nur unmittelbar, sondern
auch indirekt über die Medien der Kunst. Das galt in ganz besonderer
Weise für seine Ästhetik (griechisch aísthesis: Wahrnehmung), die wir
heute zumeist als Synonym für sensitives Empfinden, Schönheit, Geschmack
oder Harmonie verwenden. Als „ästhetische Wertschöpfung“ des Waldes
spiegelt sie sich seit etwa 130 Jahren auch in forstlichen sowie
öffentlichen Diskussionen um Forstästhetik,
Waldästhetik
oder Waldlandschaftspflege wieder, wie sie durch Heinrich von Salisch,
Arnold Freiherr von Vietinghoff-Riesch oder neuerdings Wilhelm Stölp
initiiert wurden.
Sollte der Zusammenhang „Wald & Kunst“ nicht (auch und besonders in
unserer technisierten, entzauberten, laut-schrill-hektisch-rastlosen
Zeit) viel öfter als bisher Thema der Waldpädagogik sein?
Schauen wir uns die Fülle des hier zur Verfügung stehendes „Stoffes“
einmal am Beispiel einiger aus dem deutschen Sprachraum stammender Werke
des Malens, Schreibens sowie Musizierens näher an.
... Malerei
Die Darstellung des Waldes in der Malerei ist so alt wie die
bildnerische Auseinandersetzung des Menschen mit dem Raum. Hier einige
markante Beispiele:
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erscheint er zum ersten Male als
dominierender Bildgegenstand - so bei Lukas Kranach, Albrecht Dürer und
anderen. Am eindrucksvollsten geschieht dies bei Albrecht Altdorfer
in seinem 1510 geschaffenen Werk „Laubwald mit dem heiligen Georg“; der
Mensch und seine Handlungen werden hier erstmals als Teil der
Naturwirklichkeit interpretiert.
Die bildnerische Gestaltung des Waldes erreichte später in der
niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts einen neuen Höhepunkt. Peter
Paul Rubens zum Beispiel mit seiner „Wildschweinejagd“ eine dramatisch
bewegte Interpretation des Waldes als eine Stätte des Kampfspiels, in
dem der Mensch seine Überlegenheit demonstriert. Es wird die Freude am
Reichtum der Natur ausgesprochen, mit der man sich im Selbstbewusstsein
jener Epoche identifizierte.
In der deutschen Romantik repräsentiert der Wald das unberührte,
geheimnisvolle Leben. Wenn Caspar David Friedrich zum Beispiel
Architektur oder szenisches Geschehen malt, geschieht dies um der
Interpretation der Waldlandschaft willen. Der Wald ist ihm
gleichbedeutend mit dem Ausdruck des Göttlichen, Unendlichen. In den
Jahres- und Tageszeiten, den charaktervollen Bildern von Wald und
Baum … schöpft der Künstler die Gewissheit einer sinnerfüllten Welt.
Sein Gemälde „Tannenwald mit französischem Dragoner“ enthält auch eine
bewusste politische Aussage: das proportionale Verhältnis von Baum und
Mensch in einer strengen winterlichen Umgebung als Symbol des ersehnten
Urteils patriotischer Gerechtigkeit.
Und: täglich begeistert mich das in meinem Büro hängende Bild „Brautzug
im Frühling“ von Ludwig Richter, das darstellt, wie eine festliche
geschmückte Hochzeitsgesellschaft aus einem „urigen“ Waldsaum heraus auf
eine Lichtung tritt.
… Literatur
Für die Literatur haben die Deutschen den Wald schon früh entdeckt –
Walter von der Vogelweide etwa beschreibt in „Under der linden, uf der
heide, do unser zweier bette was …“ ihn als Ort sommerlicher
Liebesfreude.
In den Volksmärchen der Gebrüder Grimm ist er dann zumeist noch mehr
Gegenspieler als Partner des Menschen,
erscheint der der Märchenwald als Schauplatz von Gefahren,
Verlockungen, verschlüsselten Ängsten und Sehnsüchten – man lese in
dieser Hinsicht einmal wieder „Die 12 Brüder“, „Brüderchen und
Schwesterchen“, „Hänsel und Gretel“ ...
Der Wald als Zufluchtsort rebellierenden Bauern, „bergende Höhle“ oder
„schaurige Landschaft“ spielt bei Johann Wolfgang von Goethe ein Rolle;
Friedrich von Schillers pathetische Novelle „Der Verbrecher aus
verlorener Ehre“ wird zum Grundmuster späterer
Förster-Wilddiebs-Konflikte.
Ludwig Tieck ist Schöpfer des Wortes „Waldeinsamkeit“ und Autor
dämonischer antirationaler Walddichtungen, in der die Menschen dem
Wahnsinn und albtraumhaften Szenen zu erliegen drohen.
Als „Dichter des Waldes“ jedoch gilt uns Joseph von Eichendorff – seine
waldbewegten leisen Töne von Erinnerung, Stimmung, Sehnsucht und Heimweh
ziehen die Menschen bis heute in ihren Bann.
Unvergessen sind auch Gottfried Kellers Festrede an die „sieben
Aufrechten, das ungezeichnete Stammholz aus dem Waldesdickicht der
Nation, das jetzt für einen Augenblick aus dem Wald heraustritt an die
Sonne des Vaterlandstages“, Adalbert Stifters Werke „Der Hochwald“,
„“Der Waldsteig“ oder „Der beschriebene Tännling“, Theodor Storms
„Waldwinkel“, Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“,
Peter Rosseckers „Als ich noch der Waldbauernbub war“, Hermann Löns „Mümmelmann“,
Ludwig Ganghofers „Schweigen im Walde“ …
… Musik
Die von Johann Gottfried Herder neu entdeckten Volkslieder führten
auch zu einem innigen Bild des Waldes in der Musik. Besonders die
Verbindung mit dem Vogel-Ruf ist hier leicht herzustellen: beiden sind
Melodie und Rhythmus gemeinsam. Der zwischen großer Terz und
Quarte schwankenden Ruf des Kuckucks wird gern von Kindern nachgeahmt,
den Gesang der Lerche bezeichnen wir als jubilierend. Wir sprechen vom
Schlag der Drosseln und Finken, preisen die kunstvollen Triller der
Nachtigall …
Nicht zu zählen sind die Beispiele, wie Musiker auf ihre Weise
versuchten, die Stimmen und Rufe der Waldvögel kompositorisch umzudeuten
und schöpferisch zu gestalten: Im Klavierzyklus „Waldszenen“ von Robert
Schumann begegnet uns eine Folge romantischer Stimmungsbilder, im
„Waldweben“ aus dem zweiten Akt des „Siegfried“ charakterisiert Richard
Wagner den Gesang der Vögel durch Figuren der Flöte und Klarinette …
Auf der anderen Seite dient das Holz des Waldes seit langem als
Mittel der spontanen Rhythmusäußerung des Menschen: die aus dem Orient
stammende Kastagnette, das ebenfalls aus Asien kommende Xylophon (aus
dem Griechischen übersetzt: „Holz-Klinger“), die Ratsche, die nicht nur
von Ludwig van Beethoven auch musikalisch verwendet wird …
Man denke bei „Musik und Wald“ aber auch an die Holzblasinstrumente des
modernen Opern- oder Symphonieorchesters (sie werden in der
Alltagssprache der Musiker abgekürzt als „das Holz“ bezeichnet), das
Schmettern der Hörner bei einer Jagd …
Künstlerisches Gestalten als waldpädagogische Methode
In Kenntnis dieser reichen Vorgeschichte und schlüssigen Zusammenhänge ist es nicht schwierig und ja auch schon vielfach erprobt, den Waldbesuchern mittels künstlerischen Gestaltens zu ermöglichen, ihre Gefühle und Gedanken durch ein selbst geschaffenes Werk oder einen Schaffensprozess auszudrücken.
Der Wald bietet dazu einen abwechslungsreichen Raum, der zugleich
Kunstwerk, Künstler sowie Kulisse/Galerie ist und uns als
Naturlehrmittelspender auch gleich mit den nötigen Utensilien versorgt,
durch die man mit einfachsten Mitteln künstlerisch tätig werden kann.
Ganz speziell der faszinierende Rohstoff Holz hat es hier in sich: kein
Ast, Scheit oder Borkenstück gleicht dem anderen, es „steckt Musik
drin“, ist voller Leben und riecht (frisch geschnitten) faszinierend,
die Jahrringe der Baumscheiben erlauben einen spannenden Blick in die
Geschichte und damit auch auf unsere eigenen Wurzeln ...
Der Schwerpunkt „kreatives Gestalten“ der jüngsten Ausgabe des
bayerischen waldpädagogischen
Leitfadens „Forstliche Bildungsarbeit“ zum Beispiel enthält hierzu
wunderbare Tipps und Anleitungen: Holzsäulen schnitzen, Maipfeife und
Waldhorn bauen, Hobelspan-Tiere herstellen, Herbstlaub-Mandala bilden,
Baumgesichter formen, mit Erdfarben malen, „Zapfenhygrometer“ oder „Spechtophone“
bauen …
Es gibt wohl keine der aktuellen waldpädagogischen
Zielgruppen,
Themen oder
Anlässe im Jahreslauf, der
sich waldpädagogisch tätige Forstleute, Mitglieder der
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald oder andere „Waldprofis“ nicht
(auch) mit Anregungen zum künstlerischen Herangehen nähern könnten.
Alle Angebote der
waldbezogenen Umweltbildung laden gleichermaßen dazu ein. Denken Sie zum
Beispiel an die Möglichkeiten,
Übrigens:
Die www.waldpädagogik.de-Redaktion
freut sich auf eine angeregte Diskussion zu diesem wichtigen Thema!
Klaus Radestock
Klaus.Radestock@gmx.de