Wichtig: Unfallverhütung (auch) in der Waldpädagogik

Kürzlich starb im Bundesland Rheinland-Pfalz ein kleines Mädchen, als ihre Kindergruppe einen Holzpolter erkletterte. Solche schlimmen Geschehnisse machen uns immer wieder den berühmten „Gang auf Messers Schneide“ deutlich:
Einerseits soll (auch) beim Walderleben der menschlichen Kreativität, dem Erkenntnishunger, Bewegungsdrang, Wunsch nach Abenteuer und Spannung ... Raum gegeben werden, andererseits ist aber alles Erdenkbare zu tun, um Unfälle zu vermeiden.

Unser Wald ist Bildungsgut geworden

Der Wald unserer Heimat wird derzeit bekanntlich immer mehr zum Bildungsgut. In seiner multifunktionalen Beanspruchung mutiert der bisher gewohnte „Dreiklang“ von Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen damit zum erfolgreichen „Vierling“.
Wenn jedoch Bildung im und am Beispiel Wald gelingen soll, so muss sie speziell Kindern auch die Möglichkeit geben, seelische, körperliche und geistige Potenziale so zu entfalten, dass sie zu erfüllten Menschen werden können.

Bewegung tut Not!

Dazu gehört heute und im Zeitalter von „Glotze, PC & Handy“ mehr denn je: der Wald muss dem Menschen (auch) „Bewegungsraum“ sein!
Der Stellenwert von gesunder körperlicher Entwicklung durch ausreichende Beweglichkeit hat sich in den letzten Jahren immer mehr erhöht. Denn: die zunehmenden Rücken-, Herz- und Kreislauferkrankungen sowie Anteile übergewichtiger Menschen sind allgemein bekannt. Hier kann man gegensteuern, und das sollte möglichst früh geschehen. Gerade der noch in der Entwicklung befindliche Mensch benötigt zur Ausbildung funktionstüchtiger und leistungsfähiger Organe und Gliedmaßen ausreichende körperliche Reize.
Man geht heute davon aus, dass Kinder zum Aufbau ihrer organischen Funktionen eine tägliche zwei- bis dreistündige intensive Bewegung benötigen! Hierfür ist unter normalen Umständen vorgesorgt: Der bei Kindern und Jugendlichen naturgegebene Drang nach Toben, Rennen, Klettern, Springen, Balancieren ... braucht nur genügend Raum und Gelegenheit zum Ausleben. Ist dies aufgrund der bekannten Umstände in einer technisch-medialen Welt nicht mehr in ausreichendem Maß gegeben, kommt es zu Schäden in der körperlichen sowie geistigen und seelisch-emotionalen Entwicklung der Menschen.

Begreifen“ geschieht durch „Greifen“

Die kindliche Neugier ist groß, das Gehirn eines Heranwachsenden noch plastisch und erfahrungshungrig:
es nimmt Eindrücke leicht auf und lernt schnell, komplexe Muster im Gedächtnis zu speichern. Beim Anfassen, Fühlen, Riechen, Schmecken, Hören, Sehen, Balancieren, Klettern ... in ihrer natürlichen Umwelt erfahren Kinder aktiv die Natur, ihre Mitmenschen und ihren eigenen Körper. Sie trainieren damit ganz unbewusst, was sie später ein Leben lang können müssen. Das „Be-Greifen“ von Gegenständen aktiviert den Tastsinn und damit das Verständnis für Formen.
Nur in der „greifbaren“ Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt können sich Kinder über die Wahrnehmung mit allen Sinnen wirklichkeitsnahe Lebenszusammenhänge selbst erschließen und damit „Erfahrungen aus erster Hand“ machen. „Fern-sehen“, „Fern-Hören“, das Dauerverweilen an PC-Monitoren und Spielkonsolen oder unentwegtes „Handy-Simsen“ können dieses „Natur-Greifbare“ niemals ersetzen!

Damit Kinder jedoch „Natur greifen“ können, brauchen sie Freiräume – auch im Wald.


„Doktor Wald“ – Risiken und Nebenwirkungen

So sehr wir uns alle in dieser Hinsicht bei „Doktor Wald“ in guter Obhut wissen – völlig ohne Risiken und Nebenwirkungen ist der Aufenthalt hier bekanntlich nicht, selbst wenn er fachlich betreut wird,
und auch das Nebeneinander der verschiedenen Ansprüche an den Wald kann nicht immer reibungsfrei gelingen: Es gilt giftige Pflanzen und Pilze zu meiden, lästigen Parasiten auszuweichen, Wind- oder Schneebruch zu beachten ... und eben auch zu berücksichtigen, dass Wald in Deutschland weiterhin Arbeitsplatz und Ort des Wirtschaftens ist.

Aber nicht nur bei direkten „Wald-Aktivitäten“ – auch in waldpädagogischen Einrichtungen und speziell Außenanlagen wie Walderlebniswelten, Waldlehrgärten, Schulwäldern, Waldtheatern, Waldlehrpfaden und anderen „Grünen Lernorten“ gilt es, alle erforderlichen Sicherheitsaspekte zu beachten.

Welche aber sind das?
Lässt sich das Vorhandene einmal zusammenfassen, um den „Machern“ eine unerhört wichtige Handreichung zu geben, den jungen „Bildungsort Wald“ so sicher wie möglich zu machen, ohne dabei aber die Ziele und Grundsätze der Waldpädagogik aufweichen zu müssen?
Wer würde sich mit diesem Gebiet einmal gründlicher befassen und hierzu profilieren wollen?

Fazit:
Das Thema „Unfallverhütung in der Waldpädagogik“ ist bislang zu wenig und vor allem nicht komplex besprochen worden, aber (auch im Interesse der aktuellen Waldpädagogik-Zertifikatsfortbildungen sehr wichtig;
für eine Diskussion wäre ich dankbar!

Übrigens:

Der deutsche Forstunternehmer-Verband startete kürzlich eine Kinder-Sicherheitsaktion und stellte unter www.forstunternehmer.org (auch in www.forstpraxis.de/deutsche-forstunternehmer-starten-kinder-sicherheitsaktion) ein Kinder-Malbuch (siehe Startfoto) über Gefahren im Wald ins Netz.

In unserer Naturlehrmittel-Börse (Pos. 6.2.) finden Sie weitere Hinweise zum Thema Unfallverhütung in der Waldpädagogik, so auch den Ansatz für eine brandenburgische „Gefährdungsdokumentation Waldpädagogik“.

Klaus Radestock
ePost klaus.radestock@gmx.de