Ende
der 1990-er wurde durch die UNO der 12. August zum Internationalen Tag
der Jugend (International Youth Day) bestimmt. Dieser Gedenktag soll
seither auf die gesellschaftliche Bedeutung dieser Lebensphase und die
weltweite Situation Heranwachsender aufmerksam machen.
“Jugend ist Trunkenheit ohne Wein“ bringt es der Volksmund
treffend auf den Punkt. Was aber hat das mit der Waldpädagogik zu tun?
Zur Jugend zählt man heute nach einer vielerorts akzeptierten Definition
zwischen zwölf und fünfundzwanzig Jahren, denn:
Mit 12 hat mehr als die Hälfte eines Jahrgangs die biologische
Geschlechtsreife erlangt, und man ist danach kein Kind mehr, wenn man
selbst Kinder bekommen kann.
Für das „Austrittsalter“ aus der Jugend gibt es kein biologisches Kriterium. Man setzt es heute manchmal mit 19 (da endet spätestens für alle die Schulzeit), meist aber bei 25 Jahren an - dann ist die Mehrheit (hoffentlich) mit der Ausbildung fertig, beginnt Geld zu verdienen und denkt über Familiengründungen nach.
Neben Vor- und Grundschulkindern sind Jugendliche die dritte
Kernzielgruppe
waldpädagogischer Arbeit: Von Beginn an gab es immer auch waldbezogene
Bildungsprogramme für heranwachsende Menschen im „Rüpelalter“ und der
darauf folgenden „Sturm- und Drangzeit“. In
Einrichtungen wie
Jugendwaldheimen, Schulwäldern, Waldwerkstätten oder Walderlebniswelten
sowie mit Aktivitäten wie Waldjugendspielen, Waldprojekttagen oder
Jugendwaldeinsätzen wurden beim Walderleben mit allen Sinnen
anspruchvolle Themen rund
um die Bereiche Forstwirtschaft, Holz, Naturschutz und Jagd mit „jugendgemäßen“
Methoden absolviert:
„Waldarbeit pur“, Werken, Bestimmen und Sammeln, Experimentieren und
Forschen, „Abenteuer Wald“, künstlerisches Gestalten, Mystifizieren …
Gute Beispiele für dem jugendlichen Empfinden gerechte waldpädagogische
Anlagen und Programme neueren Datums sind
waldbezogene Schülerfirmen, die
„Holzerlebniswelt“, die
„Praxis Dr. Wald“, der
„Pirschweg“, die Waldrallyes …
Wir sind alle einmal jung gewesen (manche bleiben es ein Lebtag lang)
und wissen seither „Jung sein ist nicht leicht“; man tut sich in diesem
Alter bekanntlich oft schwer mit sich selbst und gilt mitunter auch als
„schwierig“ für andere. Nicht von ungefähr sagt ein „waldiges“, auf
Heranwachsende bezogenes Sprichwort: „Je grüner das Holz, desto dicker
der Rauch.“
Dennoch stellten sich viele Forstleute, deren Partner von der
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und andere Waldfreunde (die Mehrzahl
erfahrene Väter oder Mütter) bisher selbstbewusst auch der Aufgabe
„Waldpädagogik mit Jugendlichen“.
Manchmal hat es freilich den Anschein, als ob diese Arbeit angesichts
der speziell seit den 1990-ern galoppierenden Naturverlassenheit einer
ganzen Generation von Jugendlichen derzeit komplizierter wird:
Ein technisierter, von bürokratischen Sachzwängen bestimmter,
laut-schrill-hektisch-rastloser und sinnentleert erscheinender
Zeitgeist, die Schwächen eines verwissenschaftlichen,
reformgeschüttelten und ideologie-geschädigten Bildungswesens, der
oberflächliche Konsumismus und die unter dem Einfluss von "Glotze",
Spielkonsole und Co. massenmedial geprägte geistige und sittliche
Unreife vieler junger Menschen stehen uns entgegen. Mannigfaltige
Depressionen, Süchte, Neurosen, Phobien ... sind oft die Folge. Die
kürzlich in www.waldpädagogik.de publizierten
Beiträge "Junge Natur-Banausen?"
oder "Zurück auf die Bäume!"
verdeutlichen das und zeigen detaillierte Ursachen und Wirkungen auf.
Deshalb wird seit einiger Zeit auf Bundesebene auch darüber diskutiert,
ob es sinnvoll ist, eine spezielle und meist städtisch geprägte
waldpädagogische Zielgruppe „Problem-Jugendliche“ festzumachen und dem
Bildungswesen sowie den Eltern hierzu ggf. spezielle, aus
therapeutischen „Doktor Wald“-Wirkungen
hergeleitete und vom Anspruch her wie das berühmte „Karibik-Segeln“
jugendlicher Missetäter wirkende Angebote zu machen.
Der BDF-Bundesarbeitskreis „Forstliche Umweltbildung“ wird sich in seiner nächsten Sitzung in Berlin speziell mit diesem Arbeitsschwerpunkt befassen. Es ist dabei Vieles zu bedenken. Sicher ist wohl: den „prekären“, nach Beendigung der Schulzeit, Schulverweigerung oder gar -abbruch nicht ausbildungsfähigen Teil der jungen Generation werden wir auch mit solchen Angeboten wohl nicht mehr erreichen können. Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann spricht von einem nahezu „abgehängten“ unteren Fünftel – ich halte diese Zahl allerdings für zu hoch. Hier gilt nicht nur der alte Wahrspruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“; es fehlten uns Waldleuten in solchen Fällen schlicht die pädagogischen, psychologischen, soziologischen, therapeutischen … Kompetenzen und wohl auch die notwendigen strukturellen Möglichkeiten.
Diesen Jungs und (in weit geringerer Zahl) Mädchen ermangelt es nicht nur elementarer Kenntnisse, sondern meist auch unabdingbarer sozialer Eigenschaften wie Verlässlichkeit, Höflichkeit, Pünktlichkeit, Belastbarkeit oder Anpassungsfähigkeit. Sie treten aggressiver als früher auf, suchen Sündenböcke und Opfer, die noch schwächer sind als sie, verarbeiten ihren Unmut geräuschvoll und gemeinwohlstörend nach außen …
Nach dem Motto „Nur die schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht“
greifen allerdings einige Massemedien die Untaten einiger weniger
gelangweilter, frustrierter und zumeist auch „geistig stark
herausgeforderter“ Randalierer und Steinewerfer, Wändebeschmierer und
Scheibenzerkratzer, Schlägertypen und Pöbler … aus dieser Klientel
begierig auf und vermitteln so vielen Älteren leider einen völlig
falschen Eindruck über „die Jugend von heute“.
Wir sollten bedenken, dass die Klage über den Verfall der Sitte, Moral
und des Anstands bei der Jugend so ist alt wie die Menschheit - hierzu
drei historische Zitate:
Nachdenkliche Menschen wissen zu diesem Thema:
In der Erfahrung mit meinen eigenen drei Kindern, deren Freunden sowie den vielen „Zivis“, „Ökis“ und Praktikanten am Märkischen Haus des Waldes denke ich heute: Die Mehrzahl der jungen Leute verhält sich in den 2010-ern nüchtern-sachlich, ist jedoch auch misstrauisch. Sie blicken mit Sorge in die Zukunft, bleibt aber dennoch zuversichtlich. Einst von den „68-ern“ verunglimpfte Werte sind ihnen (wieder) wichtig: Ordnung, Fleiß, Disziplin, aber durchaus kombiniert mit Selbstentfaltung und Lebensgenuss …; keine Spur mehr von „Null-Bock auf gar Nichts“.
Klaus Hurrelmann sagte dazu kürzlich: „Die Kinder kommen heute so
früh wie noch nie in der Geschichte der Menschheit in die Lebensphase
Jugend hinein. Dann aber streckt und streckt sie sich, und man kann gar
nicht erkennen, wann sie denn endlich vorbei ist. Das liegt daran, dass
vor allem der berufliche Erfolg so schwer voraussehbar und der
Arbeitsmarkt eher abwehrend ist. Die Jugendlichen haben das Gefühl,
unerwünscht zu sein. Das ist der Nährboden für die untergründige Angst,
zu denen zu gehören, die scheitern.“
Als Otto von Bismarck einst ausrief „Für die Jugend habe ich nur drei
Ratschläge: Arbeitet, arbeitet, arbeitet“ hatte er nicht ahnen können,
dass die moderne Industriegesellschaft es jungen Leuten so schwer machen
würde, zu bezahlter Tätigkeit, damit auch zur Sicherheit für die
Gründung einer Familie und in der Folge zu etwas zu gelangen, was den
Menschen als soziales Wesen auszeichnet: Verantwortung.
Arbeitsplätze schaffen können wir waldpädagogisch Tätigen freilich
nicht.
Aber dass wir uns unter Nutzung des "Bildungsraums Wald" und auf der Basis solider Grundlagen sowie Prinzipien der Erziehung selbst- und verantwortungsbewusster, angemessen handelnder, langfristig sowie ganzheitlich und damit nachhaltig denkender junger Menschen widmen, ist heute wichtiger denn je!
Klaus Radestock
Fon 0049-33763-64444