Kann der Tod ein Thema der Waldpädagogik sein?

FriedwaldDer Totensonntag ist den evangelischen Kirchen Deutschlands ein Gedenktag für die Verstorbenen. Er fällt auf den letzten Sonntag des Kirchenjahres und damit heuer auf den 21. November.
Betrifft uns das für die Waldpädagogik? Kann oder sollte es gar auch Gegenstand der waldbezogenen Umweltbildung sein, jene Gelassenheit zu vermitteln, die lehrt, dass das Vergehen ebenso wie das Entstehen zum Zusammenhang des Werdens gehört ...?

Traditionelle herbstliche Försterwanderungen zum Thema Vergehen & Entstehen

Seit nunmehr 35 Jahren führe ich nun schon Försterwanderungen durch.
Besonders im Herbst, wenn „bunte Blätter fallen, raue Nebel wallen ...“ und sich dann schon bald die erste dünne Schneedecke über den stiller gewordenen Wald ausbreitet, habe ich seither stets thematisiert und an vielen Beispielen aufgezeigt: in der Natur gehört zum Leben immer auch das Sterben, dem stets wieder junges Dasein und neue Hoffnung folgt.
Das dabei manchmal von mir zitierte Herbstgedicht von Emanuel Geibeldrückt diese Stimmung ganz besonders gut aus:

Ich sah den Wald sich färben,
Die Luft war grau und stumm;
Mir war betrübt zum Sterben,
Und wußt' es kaum, warum.

Durchs Feld vom Herbstgestäude
Hertrieb das dürre Laub;
Da dacht' ich: deine Freude
Ward so des Windes Raub.

Dein Lenz, der blütenvolle,
Dein reicher Sommer schwand;
An die gefrorne Scholle
Bist du nun festgebannt.

Da plötzlich floß ein klares
Getön’ in Lüften hoch:
Ein Wandervogel war es,
Der nach dem Süden zog.

Ach, wie der Schlag der Schwingen,
Das Lied ins Ohr mir kam,
Fühlt' ich's wie Trost mir dringen
Zum Herzen wundersam.

Es mahnt' aus heller Kehle
Mich ja der flücht'ge Gast:
Vergiß, o Menschenseele,
Nicht, daß du Flügel hast.

Was ist das - der Tod?

Der Tod ist der Verlust der für ein Lebewesen typischen Lebensfunktionen. Es gelangt damit zu seinem Ende und hört auf, zu existieren. Den Übergang vom Leben zum Tod nennen wir Sterben.
So sehr uns das Ableben von Tieren sowie Pflanzen verständlich und akzeptabel erscheint, so problematisch ist es wohl für Lebewesen, die sich selbst für die „Krone der Schöpfung“ halten, zu akzeptieren, einmal selbst auf die „letzte Reise“ gehen zu müssen.
Zu den Grundfragen der Philosophie gehört neben „Woher kommen wir?“ und „Wer sind wir?“ daher nicht von ungefähr auch „Wohin gehen wir?“. Hinsichtlich der Konsequenzen des endlichen Besuchs von „Freund Hein“ lassen sich heute vier weltanschauliche Grundhaltungen unterscheiden:

  1. Der Tod ist das endgültige Ende unserer körperlichen und geistigen Existenz.
  2. Der Tod ist nur eine Phase, die schließlich zu einem neuen individuellen Leben führt.
  3. Der Tod ist der Übergang in einen anderen Seinszustand.
  4. Leben und Tod sind indifferent.

Die Verdrängung des Todes in der Moderne und ihre Ursachen

In den modernen Industriestaaten wird der direkte Umgang mit dem menschlichen Sterben immer seltener, weil es häufig nicht mehr im Kreise der Familie eintritt, sondern im Krankenhaus oder Altenheim, und der Entschlafene daraufhin von einem professionellen Bestatter übernommen wird. Und: Kriege werden gottlob weitab entfernt von uns geführt ...
„Schlafes großer Bruder“ wird auch deshalb mehr und mehr ein Tabuthema, weil der hedonistische „Zeitgeist“ der vergangenen Jahrzehnte zu krassem Egoismus, verbreiteter Kinderlosigkeit, Verfall von „Wir-Tugenden“ ... geführt hat.
Das Ergebnis ist (auch): Man versteht den Tod nicht mehr, will nichts mit ihm zu tun haben und weigert sich, ihn auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Er wirkt ... geradezu peinlich!

Statt das Einmal-Sterben-Müssen als

- stärksten möglichen Antrieb zum einem bewussten, verantwortungsvoll geführten Leben wahrzunehmen,
- Grundlage menschlicher Solidarität und Ansporn für das Familien-gründen sowie Kinder-in-die-Welt-setzen
zu
akzeptieren, die das von uns selbst Begonnene einmal fortsetzen sollen,
- Motivation zu nehmen, Werke schaffen, die uns dereinst überleben (welcher Förster denkt da nicht an das
Bäume-Pflanzen) und ohne die Freude und Begeisterung ohne Tiefe sind,

fühlen sich viel Zeitgenossen heute angehalten, das Todesgefühl als Unfug zu verdrängen. Sie verplempern ihr Dasein mit ziellosem Konsumismus und der hastigen Suche nach sinnentleerten Vergnügungen aller Art: „Shoppen gehen“, Dauersitzungen vor der „Glotze“, Partytourismus ...
Ohne nun in den gegenteiligen Ruf „Es lebe der Tod!“ einfallen zu wollen, aber:
in dieser Verdrängung der Endlichkeit menschlichen Daseins kann eine der Ursachen für die Verflachung fast allen anderen Erlebens, für die Unrast, Aufgeregtheit, Anspannung, Ruhelosigkeit ... unserer Zeit gesehen werden.

Sollten wir Förster hier „gegenhalten“ ...

Wäre es daher nicht angemessen, als nachhaltig (also langfristig = in Generationen) denkende Förster im Rahmen der Waldpädagogik zu versuchen, den Menschen am Beispiel Wald auch jene Gelassenheit zu vermitteln, die lehrt, dass das Vergehen ebenso wie das Entstehen zum Zusammenhang des Werdens
gehört ...? Näheres zu diesem Sinnzusammenhang können Sie auch hier lesen.

... zum Beispiel mit dem Friedwald-Thema?

Vor einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, mich der Gedankenverbindung Wald - Mensch - Tod an einem interessanten Beispiel zu nähern. Zu jenem Zeitpunkt sollte in der Dubrow, einem Waldgebiet südöstlich von Berlin, das mir seit den 1970-ern Heimat geworden ist und in dem auch das von mir bewohnte Forsthaus Frauensee liegt, ein Bestattungs- oder Friedwald entstehen.
Die Idee ist bald darauf im Gestrüpp bürokratischer Vorschriften erstickt, war mir aber Gelegenheit, mich mit dieser Thematik einmal näher zu befassen und sie auch mit Waldbesuchern zu diskutieren.
Ich stellte dabei fest: eine letzte Ruhestätte an den Wurzeln große Bäume - das ist für viele Menschen ein tröstlicher Gedanke. Schließlich wusste schon Michelangelo Buonarroti: „Frieden findet man (eigentlich) nur in den Wäldern“. Warum sollte das nicht umso mehr für den „ewigen Frieden“ gelten?

Nicht dass solche Waldbestattungen etwas ganz Neues sind: die Beisetzung unter Bäumen hat speziell bei Forstleuten eine lange Tradition und galt hier oft als große Ehrung von Meistern ihres Faches.
So ruht etwa der forstliche Klassiker und Gründer der Tharandter Forstakademie Heinrich Cotta in einem alten Buchenbestand oberhalb der sächsischen Forststadt. Wie oft bin ich als Forststudent gemeinsam mit Kommilitonen an sein das Grab gelaufen, um dort seiner zu gedenken und auf dem Jagdhorn das „große Halali“ anzustimmen.
Auch der große Forstästhetiker Heinrich von Salisch oder der „waldbauende“ Chirurg August Bier wurden in den von ihnen betreuten Wäldern bestattet, in Siehdichum bei Eisenhüttenstadt kenne ich einen kleinen Försterfriedhof unter uralten Baumriesen ...

Der diesem Herkommen entsprungenen, in den 1990-ern entwickelten Friedwald-Idee liegt der Wunsch zu Grunde, dass die materielle Hülle des Verstorbenen durch Urnen-Bestattung zwischen den Wurzeln eines alten Begräbnisbaums in den Naturkreislauf zurück gelangen kann. Dadurch wird gleichsam Unsterblichkeit zum Ausdruck gebracht wird: der Tote lebt nach eigenem Verständnis sowie für die Hinterbliebenen in einem Wesen von Größe, Dauer- und Standhaftigkeit fort. „Alt wie ein Baum möchte ich werden“ – auf solche Weise kann dieser Wunsch als Vision ein wenig in Erfüllung gehen!
Ein derartiger Wald-Ort der Ruhe, Besinnung und des Trostes vermag der trauernden Familie und den Freunden des Toten bei der Überwindung ihres Kummers wirksam zu helfen. Wer weiß denn wirklich, ob die Meise, die hier im nächsten Frühling fröhlich zu uns herab pinkt, nicht vom guten Geist des Verstorbenen beseelt ist...

Einfach mal versuchen!

Mit oder ohne Friedwald-Beispiel:
die leicht melancholisch-nachdenklich wirkende Stimmung eines spätherbstlichen Tages im Wald, dessen Stille nur vom Rufen der Krähen oder dem Rätschen des Eichelhähers durchbrochen wird, sollte uns waldpädagogisch tätige Forstleute, Mitglieder der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald ... gerade in Beachtung des nahenden Totensonntags ermutigen, auch einmal die Assoziation Wald - Mensch - Tod zum Gegenstand einer Försterwanderung, eines Familienwaldtages, Walderlebnis- oder Waldprojekttages zu machen!
Für eine Diskussion dieses Vorschlags wäre ich dankbar.

Klaus Radestock
Klaus.Radestock@gmx.de