Gedanken zum Jubiläum "25 Jahre Silviva"

Silviva Über eine kürzlich Einladung zu einem "Waldfest der besonderen Art" war ich sehr froh: Die "Stiftung Silviva für Umweltbildung und Wald", ein wichtiger Schweizer Partner unserer brandenburgischen Waldpädagogik, feiert am 3. September 2010 ihr 25-jähriges Bestehen. Die erste Begegnung liegt nun bereits zwei Jahrzehnte zurück, bleibt uns damals teilnehmenden Märkern aber unvergesslich. Herzliche Grüße also nach Zürich – wir wünschen den Schweizer Freunden auch weiterhin Mut und Kraft für ihre schöne und wichtige Arbeit.

Es ist aus diesem Anlass vielleicht einmal geboten, zu schildern, unter welchen Umständen die Zusammenarbeit damals begann:

1990, kurz nach der politischen Wende in der DDR, nahm das, was später als Waldpädagogik bezeichnet werden sollte, auf dem Territorium des späteren Bundeslandes Brandenburg einen spürbaren Aufschwung.

Nach dem Motto "Erfahrungsaustausch ist die beste Investition" begannen schon kurz nach dem "Mauerfall" an der Thematik interessierte märkische Forstleute und andere Waldfreunde einen Informationsaustausch mit "westlichen" Kollegen. Sie wollen erfahren, wie die Vermittlung zwischen Mensch und Wald bzw. zwischen Gesellschaft und Forstwirtschaft unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen funktioniert, dabei aber auch vielfältige "Ost-Erfahrungen" verständlich machen. Der Weg führt einige dieser "Macher" in der Folge zu Kollegen in Berlin (West), Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg … und recht früh auch in die Schweiz zu den CH-Waldwochen (heute: Silviva).

Wir stießen bei den Eidgenossen auf engagierte, waldbezogen tätige Umweltbildner um den Biologen und Lehrer FRANZ LOHRI, denen nach den panischen Waldsterbensdebatten der 1970-er klar geworden war:
Mit dramatischen Beschreibungen von Ökokatastrophen und Verboten aller Art erfüllt man (nicht nur) die Kinder mit Angst sowie Ohnmacht und führt sie immer mehr auf Distanz zur Natur. Interesse, Zuwendung, Mitfühlen und Verantwortung kann so schwerlich entstehen. Denn: Kinder brauchen die Natur – sie ist ein elementares menschliches Bedürfnis und die einzige Möglichkeit, seelische, körperliche und geistige Potenziale so zu entfalten, dass sie zu erfüllten Menschen werden. Ohne die Nähe zu Pflanzen und Tieren verkümmert die kindliche seelische Bindungsfähigkeit, schwinden Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude.

Die bisher betriebene Art von Umwelterziehung hatte sich also als "Katastrophenpädagogik" im doppelten Sinne erwiesen. Die klugen Schweizer Umweltbildungs-Fachleute steuerten folgerichtig um – sie bekundeten u.a. um die Mitte der 1980-er: "Allein positive emotionale Bindungen, die innere Berührung mit dem Leben, schaffen die Grundlagen für ein späteres Engagement für unsere Mitwelt: nur was wir intim kennen und lieben, sind wir auch bereit, zu pflegen und zu schützen. Unser Umweltproblem ist in Wahrheit vor allem ein Innenweltproblem, dem wir mit äußeren Maßnahmen, mit Wissen und Geld, alleine nie beikommen werden."

Mit diesen Grundsätzen starteten sie ab 1985 eine Kampagne "Wald erleben" und vermochten es, viele Verbände aus den Bereichen Bildung, Forst, Umwelt- und Naturschutz für die Idee einer Wald-Jugend-Woche zu gewinnen. Die weiteren Aktionen liefen dann unter dem Namen CH-Waldwochen. In der Folgezeit wurden auch viele schweizerische Forstleute als unverzichtbare Verbündete zur Mitarbeit gewonnen.

Mit einem dieser Förster, dem Züricher Stadtforstmeister ANDREAS SPEICH und den Kollegen der von ihm begründeten Sihlwaldschule entwickelten wir Märker während und nach der ersten Begegnung im Jahr 1990 eine besonders enge Zusammenarbeit. Er war es dann auch, der uns später wichtige zusätzliche Impulse für die faszinierende "Doktor-Wald-These“ gab. 1993 gar, beim einem Besuch des brandenburgischen Landesforstamtes in Königs Wusterhausen, "infizierte" dieser tüchtige und ungemein überzeugende Mann auch die dortige die "Forstchefetage" mit dem "Waldpädagogik-Virus“, womit er maßgeblich dazu beitrug, dass die Waldpädagogik bei uns kurze Zeit später und erstmals für ein ganzes deutsches Bundesland forstliche Dienstaufgabe wurde.

Zu den wichtigen Eindrücken unseres damaligen frühen Aufenthalts in der Schweiz gehörte ebenso dies:
An der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (wir konnten in dieser Sachen mit Forstpolitik-Professor Dr. FRANZ SCHMIDTHÜSEN sprechen) wurde die Waldpädagogik um diese Zeit erstmals auch zum Thema der Forstwissenschaft.

Wie ich es heute sehe, hatten wir Märker bei unserem ersten Zofingen-Zürich-Besuch geradezu unverschämtes Glück: Wenngleich der Begriff "Waldpädagogik" bereits 1986 in einer durch die Stiftung Wald in Not sowie die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald organisierten Veranstaltung zum ersten Mal erwähnt wurde, durften wir 1990 in der Schweiz zweifellos die Geburtsstunde der modernen europäischen Waldpädagogik-Philosophie miterleben – durch CH Waldwochen erdacht und initiiert, von Forstpraktikern aufgegriffen und vorangetrieben, forstpolitikwissenschaftlich untersucht und unterlegt …
Dafür, liebe Schweizer Freunde (auch) der heutigen Silvia, gebührt Euch Ehre und Dank!

Zu einer solchen Rückschau auf den Beginn und der Möglichkeit einer Bilanz des inzwischen auf dem Gebiet der Waldpädagogik in Europa Erreichten gehört natürlich auch ein Ausblick auf das Kommende. Und da sehen wir: Auf uns heute waldpädagogisch Tätige wartet allerorts weiterhin sehr viel Arbeit! Manchmal scheint es einem angesichts der speziell seit den 1990-ern galoppierenden Naturverlassenheit und Selbstentfremdung einer ganzen Generation von Kindern und Jugendlichen gar, als ob wir immer noch ganz am Anfang stünden, nicht mehr als den berühmten "Tropfen auf dem heißen Stein" leisten könnten oder ab und an wieder rückwärts gehen müssten. Ein machtvoller technisierter, von bürokratischen Sachzwängen bestimmter, laut-schrill-hektisch-rastloser und weitgehend sinnentleerter Zeitgeist, der oberflächliche Konsumismus breiter Bevölkerungskreise, unter dem Einfluss von "Glotze", Handy und Co. massenmedial erzeugte geistige Verwahrlosung vieler Zeitgenossen … stehen uns entgegen. Die kürzlich in www.waldpädagogik.de publizierten Beiträge "Junge Natur-Banausen?“ oder "Zurück auf die Bäume!“ verdeutliche das. Die baldige Wende von der derzeitigen kurzsichtigen Wachstumsideologie und verbreiteten "Nach-mir-die-Sintflut-Haltung" zu einer zukunftsfähigen "Politik des Lebens“, die mit der Natur wirtschaftet statt gegen sie, scheint nicht abzusehen.

Sich unter Nutzung des "Bildungsraums Wald" der Erziehung selbst- und verantwortungsbewusster, angemessen handelnder, langfristig sowie ganzheitlich und damit nachhaltig denkender Menschen zu widmen ist also wichtiger denn je. Ganz im Sinne des alten Wahrspruchs "Es ist besser, ein kleines Licht anzuzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen" freuen wir uns in diesem Sinne auf die weitere gemeinsame Arbeit mit unseren Schweizer Freunden und Kollegen!

Klaus Radestock,
Fon 0049-33763-64444