„Das große Krabbeln“
… zur Kinder-Uni an der Viandrina

„Kinder-Universitäten“ gibt es seit 2002. Sie versuchen heute an mehr als 50 deutschen Universitäten und Fachhochschulen, Kindern zwischen acht und 13 Jahren die Wissenschaft einfach und verständlich zu vermitteln – mehr noch: sie dafür zu begeistern. So ist das auch im Bundesland Brandenburg: Anfang März 2010 begann die 6. Kinder-Universität Viadrina in Frankfurt/O.

Aber was hat das nun mit dem Wald zu tun?
Ganz einfach: Der Leiter der Waldschule „Am Rogge-Busch“, Forstwirtschaftsmeister Roland Boljahn vom Landesbetrieb Forst Brandenburg, ist am 17.3.10 schon zum dritten Mal als „Wald-Dozent“ dabei.
Sein Vorlesungs-Thema ist meist „das große Krabbeln“ – frei nach dem deutschen Titel eines vollständig computergenerierten Animationsfilms über eine Ameisenkolonie, der auf dem Historienfilm Die sieben Samurai basiert (hier rettet eine kleine Gruppe Mutiger ein Dorf vor Unterdrückern).

Der ehrenamtlich auch als Leiter des brandenburgischen Landesarbeitskreises Wald & Bildung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) tätige Forstmann erläutert den Kindern auf seine unnachahmlich-sympathische Art, welche Rolle „Ameisen, die heimlichen Herrscher auf Erden“ für das Ökosystem Wald und natürlich für uns Menschen spielen. Vom globalen Aspekt abgesehen: Wald und Ameise (mancherorts auch Emse genannt) gehören auch in Deutschland eng zusammen. Viele Leute wissen zum Beispiel, dass speziell die hügelbauenden Roten Waldameisen als „Polizei des Waldes“ bezeichnet werden. Ihre Bedeutung resultiert zum Teil daraus, dass diese Raubinsekten pflanzenfressende Schmetterlings- und Blattwespenarten verfolgen, die bei Massenvermehrungen im Wald Sorgen bereiten. Durch ihre Jagd auf Kiefernspanner, Forleule, Nonne, Kiefernspinner, Kiefernbuschhornblattwespe, Eichenwickler oder Frostspanner tragen sie deshalb zur Waldhygiene bei. In der Lebensgemeinschaft Wald nehmen diese Kerfe aber auch deshalb eine Schlüsselfunktion ein, weil sie eine wichtige Nahrungsquelle vieler Singvögel sind. Ebenso benötigen Waldhühner wie Auer-, Hasel- und Birkwild sowie der Wendehals zur Jungenaufzucht während der ersten Wochen Larven und Puppen der Waldameisen. Auch seltene Spechtarten ernähren sich von diesen staatenbildenden Insekten. Viele Tiere benötigen die Ameisenburgen zur Körperpflege. Vögel „emsen“ ihr Gefieder mit Ameisensäure und werden so die Milben und Läuse los. Säuger befreien sich von lästigen Hautschmarotzern durch Wälzen auf den Nesthügeln. Von kleineren Säugern, wie etwa den Mardern, wird berichtet, dass sie sich im Winter sogar in der Ameisenburg aufwärmen.

Es ist natürlich kein Zufall, dass die europaweit bekannte Waldschule“ „Am Rogge-Busch“ mit diesem Thema antritt, profiliert sie sich derzeit doch zur „Ameisen-Waldschule“ und damit auch in Sachen Vermittlung von Sozialkompetenz: Hier soll in den nächsten Jahren in Kooperation mit der SDW eine „Ameisenerlebniswelt“ gebaut werden, in dem vorrangig Grundschulkinder für ein paar unvergessliche Stunden einmal selbst wie Waldameisen agieren können.

Wir sehen: dieses „emsige“ Waldpädagogik-Thema lehrt keineswegs nur interessantes Wissen, sondern vermag auch Wertebildung zu leisten. Insbesondere in unserer Leistungs- und (leider auch) Ellbogengesellschaft dringend notwendige „Wir-Tugenden“ können am Beispiel Ameise gut vermittelt werden: Bescheidenheit, Einfühlvermögen, Empfindsamkeit, Hilfsbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit, Opferbereitschaft, Rücksichtnahme ...

Vielleicht vermag eine solche Vorlesung den Kindern auch ein klein wenig helfen, die heute als „Selbstverwirk-lichungs-Raserei“ oft beklagte dreifache Entfremdung der Menschen - von der Natur, vom Mitbürger und von sich selbst - zu überwinden, mehr Gelassenheit, Souveränität, innere Stabilität und Ruhe zu erlangen.

Übrigens: