Waldpädagogik - was soll`s?

Diskussionspapier vom 10.01.2011
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Feststellung 2006: Wald ist (auch) Bildungsgut

Vor vier Jahren vertrat der Bund Deutscher Forstleute mit der Formulierung „Waldpädagogik in Deutschland - eine Aufgabe mit Zukunft!“ erstmals öffentlich die These vom Bildungsgut Wald.
In einem Positionspapier vom 1. Juni 2006 urteilte der forstliche Berufsverband damals einleitend und begründend:
Unsere Gesellschaft befindet sich in einer schwierigen Situation:
Die Gewissheit des demographischen Wandels und seine beginnenden Auswirkungen auf das Gesundheits- und Rentensystem, die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und die weltweite Naturzerstörung eröffnen uns derzeit wenig freundliche Perspektiven.
Dies beeinflusst auch unser privates Umfeld: Zukunftsangst führt zu steigender Aggressivität, deren Auswirkungen wir auch an unseren Schulen sehen, Gewalt gegen Mitmenschen, fehlende soziale Verantwortung und eine zunehmende Naturentfremdung sind ungute Zeichen.
Was wir in dieser Zeit dringend nötig haben, sind „Wir-Tugenden“: Nächstenliebe, Respekt, Gemeinschaftssinn, Rücksichtnahme, Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein ...
Wir brauchen aber vor allem auch wieder Visionen einer lebenswerten Zukunft, erstrebenswerte Ziele, einen „Sinn“!
Bei der Lösung solcher wichtigen Zukunftsaufgaben sind Politik, Verwaltung, Justiz, Medien, Wissenschaft, Kunst & Kultur, aber auch jeder einzelne von uns gefragt.
Forstleute und andere „Waldprofis“ haben in dieser Situation ein ganz besonders Angebot konzipiert: Waldpädagogik!“

Denken in Generationen“ ohne“Scheuklappen“ tut not ...

Wie kam ein forstlicher Berufsverband eigentlich damals dazu, das enge Feld der Forstpolitik zu verlassen, sich einmal gesamtgesellschaftlich zu äußern und dann - so hart - zu urteilen?
Die Erklärung ist einfach - die meisten Förster blicken verständnislos auf eine solche Entwicklung!
Denn: Die „Grünröcke“, denen ihre Arbeit nicht „Job“, sondern Berufung ist, wissen es besser, hat doch ihr Tun einen - auch in der Zukunft liegenden - „Sinn“!
Die Forstleute verfügen aber gleichermaßen über das dazu gehörende „zielstiftende“ Prinzip; mit langlebigen Waldbäumen befasst, müssen sie an ihr Handeln bekanntlich einen hohen Maßstab anlegen: die Nachhaltigkeit.

Der Dichterfürst Friedrich von Schiller schon vor mehr als 200 Jahren über den forstlichen Berufsstand:
„Ihr seid groß, Ihr wirkt unbekannt, unbelohnt, frei von des Egoismus Tyrannei, und Eurer stillen Fleißes Früchte reifen der späten Nachwelt noch“. Schiller trifft damit, wie meist, in’s Schwarze - weniger mit seinem überschwänglichen Lob als vielmehr mit dem Begriff Nachwelt. Denn eine interessante und sehr weitgehende Deutung des Nachhaltigkeits-Begriffs ist, dass mit ihm die generelle Fähigkeit des Menschen zum „Denken in Generationen“ beschrieben werden kann. Im philosophischen Dreiklang „woher kommen wir – wer sind wir – wohin gehen wir“ versetzt uns solche Gedankenarbeit in die Lage zu fragen: Was kommt danach? Wie geht es weiter, wenn wir selbst einmal nicht mehr sind?
Nachhaltigkeit ist somit im weitesten Sinne auf die Prinzipien Verantwortung und Hoffnung gestützte Zukunftsfähigkeit – also etwas, das vielleicht auch dann noch zur Selbstachtung mahnt, wenn die Evolution uns einst machtvoll gebieten sollte: Schluss jetzt!
Man wird dabei unwillkürlich an den berühmten Satz Martin Luthers erinnert: „Und wenn morgen die Welt unterginge, so pflanzte ich heute noch ein Apfelbäumchen.“

Neben diesem zeitlichen Aspekt liegt in der Nachhaltigkeit übrigens auch noch eine räumlich wirkende Gebrauchsanweisung für das „Handeln im Jetzt“ – die Forderung nach Ganzheitlichkeit.
Ganzheit ist bekanntlich auf Vielfalt angewandte Einheit – mit ihr entsteht etwas qualitativ Neues durch die Integration der Teile auf höherem Niveau.
Die Förster haben das Wesen der Ganzheit durch ihre notwendige „Rundum-Schau“ auf die unterschiedlichen Funktionen des Waldes kennen und verstehen gelernt. Sie können sich deshalb jedwedes „Scheuklappen-Denken“ nicht leisten und ziehen alleweil integrative Lösungen den - zeitgeisttypischen - segregativen, polarisierenden und dabei oft von geltungssüchtigen Egomanen oder den Medien noch ins Extreme verstärkten Ansätzen vor. Damit „halten sie Maß“ und erleiden nicht den für die heutige Zeit so verhängnisvollen „Verlust der Mitte“.

Nachhaltigkeits-Auffassungen kannten übrigens bereits die alten Römer – jedenfalls, bevor sie die )derzeit im Zusammenhang mit aktuellen Problemen des Sozialstaats neu entdeckte) römische Dekandez erfasste:
In seinem Werk „De senectute“ („Über das Alter“) beispielsweise bemerkte der römische Redner Marcus Tullius Cicero im Jahre 44 vor Christus „Er pflanzt Bäume, die erst der Nachwelt nützen“ und kommentierte dazu „Jeder Landmann darf ... auf die Frage, für wen er pflanze, ohne Bedenken antworten: Für die unsterblichen Götter, deren Wille es war, dass ich diese Güter nicht nur von den Vorfahren ererben, sondern auch meinen Nachkommen überliefern sollte.“

Der Nachhaltigkeitsbegriff selbst jedoch ist viel späteren Datums und bekanntlich forstlichen Ursprungs.
Er kann auf den sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz zurückgeführt werden, der ihn 1713 erstmals und ganz speziell für die Waldbewirtschaftung formulierte.

Es war ein Förster, der die Nachhaltigkeit 1959 „öffnete“ und auch auf außerforstliche Lebensbereiche anwandte: Franz Heske begründete die natur-philosophische Denkrichtung der Organik und ist damit Schöpfer des später aufkommenden Gedankens einer allgemeinen nachhaltigen Lebensweise.
Aus dieser Quelle hat dann wohl auch der berühmte Club of Rome getrunken, als er 1972 in seinem Report „Die Grenzen des Wachstums“ den Begriff „sustainable“ für eine Wirtschaftsweise der Nachhaltigkeit verwendete.
Die 1992-er Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro forderte schließlich eine Wende zur Politik der Nachhaltigkeit. Dort gebrauchte man wohl auch die bezeichnende Formulierung: Nachhaltigkeit ist der Überlebensgrundsatz der Menschheit.

... und ist dennoch kaum zu finden

Wohl war – und große Worte! Was jedoch ist seit 1992 geschehen, diese Wende zu erreichen?
Wir meinen: Nicht viel – viel zu wenig!
Machen Sie doch einmal den Versuch, den Maßstab „Denken in Generationen“ oder auch nur „strategisches Denken“ an das Handeln der Mehrheit unserer Zeitgenossen anzulegen. Tun Sie Gleiches auch bei vielen „Mächtigen“, verfolgen Sie die Skandalmeldungen über zahllose Entscheidungsträger und Meinungsbildner in Politik, Wirtschaft, Bankwesen, Verwaltung, Medien ..., die hier eigentlich Vorbild sein müssten.
Und dann urteilen Sie selbst!
Man hat inzwischen den Eindruck, dass die Menschen - obwohl mit allen Erkenntnissen über das eigentlich Notwendige überreich gesegnet - in der Mehrzahl konzeptionslos, ausschließlich selbstsüchtig und nicht selten gar nach dem Motto „nach mir die Sintflut“ handeln. Dem „Wettlauf im Jetzt“nach immer mehr, größer, schneller, lauter und schriller, billiger ... folgen alle brav, verbissen konsumierend und sich amüsierend.
Man muss dabei unwillkürlich an den Spötter Mark Twain denken, der einst lästerte:
„Nachdem wir das Ziel endgültig aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen.“

Stecken wir also heute in der Falle des Kurzzeitdenkens? Wo ist die Lobby für die Ungeborenen? Welche Kraft soll die Zukunft in der Gegenwart vertreten?
Wenn Lebensfreude für den Einzelnen und für uns alle die Erhaltung der Gattung Mensch sowie das Bewahren von „Mutter Erde“ das Ziel sind - sollten wir dann nicht vielleicht einmal über ein Quäntchen weniger, kleiner, langsamer, leiser, freundlicher, lebens- und liebenswerter... nachdenken?
Eine solche „Kultur des Maßhaltens“ auf einem Globus, der grenzenloses Wachstum nicht aushalten kann, und ein wenig mehr Demut vor der Natur, deren Teil wir doch sind, wären wohl angemessen!

Förster sollten Nachhaltigkeit lehren

Die Mehrzahl der Forstleute sind geborene Optimisten, denn: ihr Wald ist grün, und grün bekanntlich auch die Hoffnung ...
Mit beiden Beinen fest auf dem Waldboden stehend meinen sie bieder: „Es ist besser, ein kleines Licht anzuzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen.“
Wenn sicher ist, dass alle, die heute Verantwortung tragen, in dieser komplizierten gesellschaftlichen Situation klug und langfristig-ganzheitlich-überlegt handeln müssen, fragen sich nicht wenige von ihnen nun:
Was kann man jetzt tun?

Dieses „Was“heißt für viele von ihnen heute mehr denn je: Waldpädagogik!
Das ist dann freilich nun eine andere, „größere“ Waldpädagogik als noch vor wenigen Jahren geglaubt und definiert. Denn: es kann künftig nicht mehr vordergründig darum gehen, „Waldgesinnung“ zu erzeugen und dazu den Leuten „Wald zu vermitteln“, um Verständnis für forstliches Wirtschaften zu bitten ...
- und dabei vielleicht sogar vordergründig auf die eigene Sympathiewerbung und Imagepflege zu schielen.

Vielmehr gilt es nun, sich in der Umweltbildung voll und ganz ganz den Menschen selbst und ihren Nachhaltigkeits-Bedürfnissen in unserer schnelllebigen Zeit zuzuwenden. Mit anderen Worten:
es ist an der Zeit, einen Paradigmenwechsel vorzunehmen, von Wald auf Mensch umzuschalten und dabei das altehrwürdige „Denken in Generationen“ voll und ganz ins Zentrum von Sinn und Inhalt der Waldpädagogik zu stellen.
Das bedeutet konkret:
Erste waldpädagogisch tätige Forstleute denken heute darüber nach, für ihre Arbeit im Bildungsraum Wald das anspruchvolle Erziehungsziel nachhaltig handelnder Mensch zu verfolgen. Das ist ein geeigneter Ansatz, die Leute am Beispiel Wald & Forstwirtschaft zu befähigen,

- Verantwortung für sich selbst,
- gegenüber anderen Menschen
und nach uns kommende Generationen sowie
- gegenüber der Natur

zu übernehmen.

Ohne am geläufigen Waldpädagogik-Synonym waldbezogene Umweltbildung etwas ändern zu müssen, wäre nun künftig aber ein „Nachsatz“ fällig:
Sie umfasst
- die langfristigen, ganzheitlichen und damit gemeinwohlorientierten Aspekte der Nachhaltigkeit
-
in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Dimension
- auf lokaler, regionaler und globaler Ebene.

... obwohl sie dafür wahrscheinlich „zum Jagen getragen werden müssen“

Es heißt am Märkischen Haus des Waldes, dem brandenburgischen Waldpädagogik-Zentrum, manchmal scherzhaft, ein waldpädagogisch tätiger Förster solle drei Eigenschaften haben:
“Wald im Herzen“ - „Feuer im Hintern“ - „Sendungsbewusstsein“.

Nur - an Drittem hapert es derzeit in Forstkreisen noch vielerorts: viele Forstleute sind einfach viel zu still!
Sie handeln am liebsten nach der Goldenen Regel, die da lautet: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.“ Unsere Altvorderen nannte dieses Prinzip noch kurz Nächstenliebe.
Das hat seinen Grund: der durchschnittliche „Grünrock“ ist vom Typus her eher introvertiert, tut am liebsten in Ruhe, Gelassenheit und Zurückgezogenheit seine Pflicht, stellt sein Licht eher unter den Scheffel, will mehr sein als scheinen, hasst schrilles Gezänk und panisch-aktionistisches Handeln, verurteilt Angeberei und „Schaumschlägerei“ ...
Letztere sind übrigens alles Tugenden, die man einst den alten Preußen nachsagte; das Glockenspiel der ehemaligen Potsdamer Garnisonskirche kündet noch heute davon: „Üb’ immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab ...“.
Solche konservativen Persönlichkeits-Merkmale machen der „wald-grünen Zunft“ heute sehr zu schaffen, sind sie doch der eigentliche Grund für ihre anhaltende „Poltik-Unfähigkeit“.

Sollte man nun aber vielleicht aus dieser Not eine Tugend machen können?

Ein Waldpädagogik-System muss her!

Es hilft alles nichts – die Forstleute werden nun endlich „aus sich rauskommen“ und sich offensiv ihren Mit-Menschen zuwenden müssen, statt weiterhin nur „Herren der (Baum)Ringe“ sein zu wollen;
natürlich ohne sich dabei selbst zu verleugnen. Das wird schwierig und ein „Gang auf Messers Schneide“.
Nicht umsonst heißt es ja: „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist immer nur ein kleiner Schritt.
Bei diesem Sendungsbewusstsein lernen geht es nicht so sehr darum, ob und dass dieser altehrwürdige, aber derzeit arg gebeutelte und per „Reformitis“ permanent in Frage gestellte Berufsstand eine Zukunft hat - das wäre nicht mehr als ein schöner Nebeneffekt.
Vielmehr zählt, dass die Gesellschaft heute mehr und dringender denn je auf gutem Waldboden wurzelnden forstlichen Nachhaltigkeitsverstand braucht – wie die Blume das Licht!

Für einen „schüchternheits-bedingt“ bisher nicht gelungenen Durchbruch der Waldpädagogik auch „nach innen“ ist jedoch für die meist in zielführender Abfolge denkenden Forstleute noch etwas anderes vonnöten:
Eine Systematik mit klarer Zuordnung von Begriffen, Kompetenzen, Regeln ..., um dem Ganzen Hand und Fuß zu geben.

Denken wir daran, wie es einst begann, als vor 200 Jahren die Wiederbewaldung Mitteleuropas gelang:
Leute, die heute forstliche Klassiker genannt und hoch verehrt werden, brachten - unter ganz anderen Rahmenbedingungen - Übersicht und Ordnung in das vorhandene Wissen über den Wald und seine Bewirtschaftung.
Sie entwickelten es weiter, begründeten damit die moderne Forstwirtschaft und gliederten sie in Waldbau, Forstnutzung, Forstschutz, Forsteinrichtung ...

Heute bedarf auch die junge forstliche Dienstaufgabe Waldpädagogik eines klug formulierten Systems, um endlich als vollwertig in die „Forst-Familie“ aufgenommen, in der forstlichen Praxis von „Kür“ zu „Pflicht“ sowie der Öffentlichkeit und vor allen den Entscheidungsträgern und Meinungsbildnern plausibel gemacht werden zu können – kurz: um „forstpolitikfähig“ zu sein.

Die derzeit sieben Kern-Bestandteile der Waldpädagogik einprägsam darzustellen, könnten sich die Forstleute künftig sowohl „nach außen“ gegenüber ihren Bündnispartnern und den Waldbesuchern als auch „nach innen“ zur Überzeugung noch zurückhaltend reagierender Kollegen eines Baum-Bildes bedienen:

Die Arbeits-Grundlagen werden als Wurzeln,
Regeln als Wurzelanläufe dargestellt.

Die Akteure sollen den Stamm des Baumes,
die Angebote dessen Äste bilden.

Die Methoden erschienen als Zweige,
an denen wiederum die Anlässe als Blätter

sowie die Themen als Früchte des
„Waldpädagogik-Baums“ zu wachsen vermögen ...

Klaus Radestock